Wenn ich Dein Herz – mein Ideal

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Leopold Friedrich Günther von Goeckingk: Wenn ich Dein Herz – mein Ideal Titel entspricht 1. Vers(1788)

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Wenn ich Dein Herz – mein Ideal
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Der Tugend! – wenn ich die Talente,
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Die Du vereinigst, – mir ein Stral
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Zum Ziel des Ruhms! – belohnen könnte:
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Du solltest nicht in
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Hoch stellt' ich Dich, mit Deinem Strale
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Die dicken Nebel in dem Thale
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Des Aberglaubens zu zerstreun.
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Jetzt aber, Freund, da Dich, versteckt
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In einem Dörfchen, die Kabale,
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Der Du zu hell noch leuchtest, neckt:
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Jetzt kann ich nur in Dir den Weisen
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Bewundern, und mein Schicksal preisen,
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Das Dich zum Freunde mir geschenkt.
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Denn seit ich sah, wie Dich, – des Glückes
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So werth! – kein Schlag des Mißgeschickes,
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Kein Pfeil der dummen Bosheit kränkt:
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Verging mir schnell der Eigendünkel,
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Für hart gestraft mich anzusehn,
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Daß ich auch, hier in diesen Winkel
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Geworfen, mich soll müde stehn.
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Wenn aber auch der Mann von Geist,
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Wie Du, im dunkeln Thal verborgen,
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Die Ketten, die die Hand der Sorgen
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Um seine Weisheit legt, zerreißt;
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So kennt er dennoch seinen Werth.
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Ist's Unrecht denn, wenn er begehrt,
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Was er verdient, und Thoren haben?
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Der Weise könnte bei den Gaben
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Des Glückes mehr als König seyn,
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Denn, Freund, für Krieg ist er zu klein.
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Wenn Thoren nun dieß Glück vergraben,
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Und öfter noch, den bessern Mann,
34
Bloß weil er besser ist, zu quälen,
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Dieß Glück gebrauchen: sprich, wie dann?
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Sich wie ein Höfling zu verhehlen,
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Und, wo nicht dieß, ein Engelherz
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Gehört dazu, es ohne Schmerz,
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Und ohn' es Schwiftisch zu bespotten,
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Und ohne Wunsch, es schnell so schön,
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Wie man's im Kopf' hat, auszurotten,
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So Tag für Tag mit anzusehn.
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Laß uns denn immerhin gestehn:
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Wir haben auch in jüngern Jahren
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Nach unsrer Lage das erfahren,
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Was Flaccus
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Uns oft gekreuzigt und gesegnet,
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Daß kaum man Brod dem Weisen gönnt,
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Indeß es Gold auf Narren regnet;
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Daß Dummheit und Bequemlichkeit
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Genies, Mauleseln gleich, befrachtet,
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Und darob ihre Wenigkeit,
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Wer weiß, wie groß, wie wichtig achtet!
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Wie haßt', ich Jüngling, sonst den Mann,
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Der nichts, als seine Peitsche schwingen,
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Beihergehn, schrein und schlagen kann.
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Mich jetzt zum Hassen noch zu bringen,
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Kann der nicht, der mich selbst wohl schlägt.
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Ich lasse nun die Thoren gelten,
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Wofür das Glück sie ausgeprägt;
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Was nutzten auch mein Spott und Schelten?
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Genug ist's, wer, wie Gott die Welten,
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Sie ganz für sich im Stillen wägt.
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Nehm' ich, nach äußeren Gestalten,
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Die Drittel
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So weiß ich bei dem allem wohl,
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Was sie an innerm Werthe halten.
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Wer gar zu eigensinnig ist,
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Nach diesem Münzcours sich zu achten,
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Der dauert mich. Der Mann vergißt,
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Die goldne Regel zu betrachten:
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Nimm diese Welt so, wie sie ist.
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Nach ihrem inneren Gehalt
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Die Welt voll Narren umzuprägen:
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Ist das in menschlicher Gewalt?
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Heraus zu wandern steht uns frei;
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Doch geb' ich wohl zu überlegen,
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Was für den Weisen besser sey:
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Die Welt, wie
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Nach Königen, wie
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Sich keinen Fuß breit zu bequemen?
82
Wie
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Um sich von Herzen satt zu grämen?
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Sich, wie Pythagoras, dem Spleen
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Mit Leib und Seele zu ergeben?
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In nackte Wüstenein zu fliehn
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Wie Sankt Anton, und da das Leben
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In Ein Gebet zusammenziehn? –
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Du siehst, es gibt der Wege viel,
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Von seinem Platz im Possenspiel
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Der Welt, aus Aerger wegzugehn;
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Doch gibt's auch Gründe, stehn zu bleiben,
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Den Narren ruhig zuzusehn,
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Und seinen Spott damit zu treiben.
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Geh weg, zu weinen; bleib, zu lachen!
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Zu beiden braucht's nicht Gold, noch Gunst.
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Wer Geist besitzt, besitzt die Kunst:
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Was ihm gefällt, aus sich zu machen.
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Das ist der Grund, warum sogar
100
Wenn er auch gleich aus Menschenhasse
101
Zuerst hinein kroch, glücklich war.
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Das ist der Grund, warum die Stille,
103
Wald, Feld und Kräutersuchen nicht
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Den Zorn des Genfer Bürgers bricht;
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Was bricht ihn endlich? Seine Grille!
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Zwar kann sich leicht ein Mann das Haus
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Des Diogen zur Wohnung weihn,
108
Doch kroch er als ein Narr hinein,
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So kriecht er auch als Narr heraus.
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Philippus großer Sohn verlöre
111
Nicht einen Schritt um solches Haus;
112
Und fiel' ihm ja die Neugier ein,
113
So rief' er wenigstens nicht aus:
114
Wenn ich nicht Alexander wäre,
115
So möcht' ich dieser Mann wohl seyn!
116
Ob, als er dieses sprach, ihm eben
117
Die bloße Prädilection
118
Für's Sonderbar', es eingegeben;
119
(auch diese will ja Ruf, als Lohn
120
Für angethanen Zwang, erstreben!)
121
Ob nicht der Werth von einem Leben,
122
Das bloß der Geist, dem Glück' zum Hohn',
123
Wiewohl der Welt zum Spott', errungen,
124
Ihm dieß Bekenntniß abgezwungen,
125
Das weiß allein Philippus Sohn.
126
War
127
Es sey, was bei dem großen Geist'
128
Ein Steckenpferd, und bei dem kleinen,
129
Zumal, wenn gern er's jener Einen
130
Nachäffen möchte, Narrheit heißt.
131
War dieses: großer Alexander!
132
Behalte du dein ganzes Glück
133
Und deine Siege mit einander.
134
Gib mir dafür den Augenblick
135
Von deinen ruhmbeladnen Tagen,
136
Der Welt als König vorzusagen:
137
Der Weis' in einer Hütte sey,
138
Wenn sie die Weisheit aufgeschlagen,
139
Bei Brod und Wasser, groß und frei!
140
Indeß liegt wenig uns daran,
141
Aus welchem Quell' der Spruch gequollen;
142
Doch Glück und Ehre hängt daran,
143
Aus welchem Quelle, lieber Mann,
144
Wir unsre Weisheit schöpfen wollen.
145
Sag', ist es nicht ein drollig Ding,
146
Wenn uns das Gaukelspiel der Welt
147
Nicht mehr, (wer weiß, warum?) gefällt,
148
Aus Unmuth sich den Sonderling
149
Zu seiner Rolle auszulesen,
150
Um, wenn man nicht beglückt gewesen,
151
Doch wenigstens bemerkt zu seyn?
152
Wahr ist es, einer großen Seele
153
Bleibt diese Schwachheit zu verzeihn;
154
Denn eher stürzt sich in die Höhle
155
Der Pest ein Curtius hinein,
156
Als noch mit seiner stolzen Seele
157
Bloß allen Andern gleich zu seyn.
158
Nur selten gab es, oder nie,
159
Von jeher große Männer, die
160
Zugleich nicht Sonderlinge waren;
161
Denn dieser Hang zum Sonberbaren
162
Verführt am leichtsten ein Genie.
163
Dankt dieß dem Glücke, ihr Genies!
164
Das diese Wohlthat nicht vergessen,
165
Und für den Neid Euch Futter wieß;
166
Sokrat, der lang' ihn hungern ließ,
167
Ward endlich selbst von ihm gefressen.
168
Allein, ihr Leute von Genie,
169
Hat die Natur zu Sonderlingen
170
Euch schon bestimmt: wozu die Müh',
171
Sich mit Gewalt dazu zu zwingen?
172
Ihr werdet
173
(nicht, wie die Maintenon
174
Ganz offenherzig eingestehen,
175
Daß Ihr den Sonderling nur macht,
176
Weil Euch der Sonderling gefällt;
177
Gefällt, weil Leute nach ihm sehen.
178
Nehmt Euren Pfad auch noch so krumm;
179
Den Pöbel hinterher zu ziehen,
180
Und, um verfolgt zu werden, fliehen,
181
Ist leicht: der Weise siehet stumm
182
Dem Gaukler nach und läßt ihn ziehen;
183
Der Weltmann lacht und dreht sich um.
184
So wollte selbst im Diogen
185
Nicht immer Plato nur den Weisen,
186
Zuweilen auch den Gaukler sehn,
187
Und dieser, umgekehrt, Athen
188
Im Plato wohl nichts bessers weisen.
189
Allein gesetzt: die Klugheit legt
190
Die Schminke so geschickt darüber,
191
Daß selbst der Weise stutzt, und frägt:
192
Ist das nicht bloß Natur? – Ei Lieber!
193
Sprich, was gewinnest du dabei?
194
Vielleicht den Titel eines Weisen!
195
Doch wirst du dich im Stillen frei,
196
Und glücklich in dir selber preisen?
197
Frei bist du nie bei Heuchelei!
198
Zwang ist der Freiheit Gift und
199
Und glücklich? Nun! vielleicht zur Noth!
200
Ganz aber könntest du es seyn;
201
Doch wer in Thaten und Geberden
202
Die Augen nur durch falschen Schein
203
Zu blenden sucht, wird nie es werden.
204
Wohl unter Alexanders Thron
205
Und Diogens verschmähtem Fasse!
206
Was ich mir wählte, weiß ich schon,
207
Von Ehrsucht und von Menschenhasse
208
Gleich frei, nur für die Wahrheit kühn.
209
Wenn er so glücklich
210
So nähm' ich gleich das leere Faß,
211
Und ließe Thron und Monarchien
212
Dem Sohne der Olimpias:
213
Ist aber unter unsrer Sonne
214
Ein Weiser wohl so weis' und kühn,
215
Zu seyn in unsers Griechen Tonne,
216
Was dieser war, zum mindsten schien?
217
Ich zweifle! Fromme Schwärmerei
218
Und Haß der Welt spricht zu dem Kranken:
219
Fort! fort in ein' Einsiedelei,
220
Doch sey gesund und weis' und frei!
221
Wirst du für dieses Glück nicht danken?
222
Was hat man von der Schwärmerei,
223
Daß man die Welt beseufzt, beweint?
224
Denn kurz, mich dünkt, so lang' die Sonne
225
Der Fröhlichkeit im Herzen scheint,
226
Kriecht man gewiß in keine Tonne,
227
Mit Brod und Wasser sich zu speisen;
228
Und just an dieser Sonne, Freund,
229
Erkennt man doch den ächten Weisen.
230
Weisheit im Kopf' ist nur ein Mond
231
Auf dieses Lebens dunkeln Reisen,
232
Um den sich's kaum die Müh' belohnt,
233
Ihn, ohne jene, viel zu preisen.
234
Genie ist vollends nur ein Stern,
235
Bei dem man leicht die Bahn verlieret,
236
Der gern zu Glück und Ehr', und gern
237
Zum Unglück' und zur Schande führet.
238
Laßt aber alle drei zugleich
239
Auf Euren Pfad des Lebens scheinen:
240
Beneiden werden Tausend' Euch,
241
Und Ihr hingegen sicher Keinen.
242
Zwar diese Sonn' und diesen Mond
243
Hervorzurufen, hat der Weise
244
Gewalt; allein die halbe Reise
245
Wird immer fast zurückgelegt,
246
Eh' er mit wahrem Ernst' nur leise
247
Die Lippen ihrerhalb bewegt.
248
Da drängt er an die bunte Bude
249
Fortunens, sich im Schweiße hin,
250
Und starret, – wie ein Wechseljude
251
Den Klumpen Silber, den für Zinn
252
Sein Finder bietet, – Federhüte,
253
Und Stern' und Ordensbänder an,
254
Wagt seine Ruh' und Zeit daran,
255
Zieht aber immer – eine Niete!
256
Wenn er den letzten Rest verloren,
257
Geht er mit Schimpfen auf die Thoren,
258
Die blind Gewinne griffen, fort;
259
Und hat er nun sich satt geschmälet,
260
So denkt er erst das große Wort:
261
Der Thor hat auch, wie du, gefehlet!
262
Dann hält er in der Einsamkeit,
263
Als kranker Pilgrim, Quarantaine;
264
Er weint um die verspielte Zeit
265
Und Ruhe, sich durch manche Thräne
266
Die Augen klar, und schnell erhellt
267
Der Weisheit Sonne Bud' und Bühnen;
268
Zum Possenspiele wird die Welt,
269
Zu Messingblech, was Gold geschienen.
270
Den Thoren, weil er selbst es war,
271
Bedauert er, statt ihn zu hassen;
272
Bei seinem Flitterstaat', sogar
273
Bei seinem Stolz', bleibt er gelassen;
274
Lernt endlich seinen eignen Werth
275
Zu seinem ganzen Glücke machen,
276
Und hält er ja ein Steckenpferd,
277
So ist es dieß: der Welt zu lachen!
278
Wer diese Quarantaine hält,
279
Der halte männlich ganz sie aus.
280
Geht er zu früh in eine Welt,
281
Wo Narren glücklich sind, hinaus:
282
Was Wunder! wenn ihn bald von neuen
283
Ein Gallenfieber überfällt!
284
Zwar soll und muß er sich zerstreuen;
285
Nur wie? das macht die Weisheit aus!
286
Arm sey mein Pilgrim, arm an allen,
287
Was diese Welt als Schätze preist,
288
Doch gut von Herzen, stark von Geist.
289
Sprich, wie kann
290
Und
291
Und wird auch wohl unmöglich bleiben;
292
Zum letzten – was auch Schwifte schreiben –
293
Bracht' unser
294
Versteh' er nur, so seinen Pfad
295
Mit Herzensfreunden fortzuschleichen,
296
Und, wie der Mann im Fasse that,
297
Beglückten Thoren auszuweichen.
298
Wenn Ihr von Narren nichts begehrt:
299
Was kümmern denn die Narren Euch?
300
Sind sie nicht arm? Seyd Ihr nicht reich?
301
Seyd stolz auf Euren innern Werth!
302
(stolz, sag' ich, doch allein für Euch!)
303
Dann gelten Euch am kleinen Heerd'
304
Der Freiheit, Fürst und Bauer gleich.
305
Die Fürsten sind ein Schlag von Leuten,
306
Der wahrlich gut genug noch fällt,
307
Doch was sind die, die tief verstellt,
308
Um ihre Gunst sich hämisch streiten?
309
Die schlimmsten Thiere in der Welt!
310
Feil ist schon oft für wenig Geld
311
Ihr Geist zu Niederträchtigkeiten,
312
Ihr Leib zu einem Affentanz',
313
Ihr Studium ist Firlesanz,
314
Und ihre Künste – Albernheiten.
315
Nicht jeder Fürst ist Dionyß,
316
Doch Plato hieß' an jedem Hofe
317
Thor, wie er Thor an jenem hieß.
318
Sieht scheel er Einmal nur die Zofe,
319
Den Laufer und den Schooßhund an,
320
So mag der vogelfreie Mann
321
Bald nach dem Schloßthor' um sich sehn;
322
Allein wer hieß ihn denn nach Hofe
323
Von seinem eignen Heerde gehn?
324
Wer durch die Weisheit nichts, als reich
325
An Gold zu werden sucht, der fröhne
326
Den Großen dieser Erde, gleich
327
Dem kleinen Weisen von Cyrene,
328
Der zum Gewissen sagte: Schweig!
329
Das war ein Mann für Dionyßen!
330
Er fraß den Staub von seinen Füßen,
331
Und ließ, wenn Seine Hoheit ihn
332
Aus übler Laun' einmal bespien,
333
Sich diese Laune nicht verdrießen.
334
Der Aristippen gab es viel
335
An Höfen; aber auch Platonen?
336
Die erstern hatten da gut wohnen;
337
Sie spielten selbst gut Taschenspiel.
338
Allein die Letztern? Zeigt mir doch
339
Nur zehn Platonen, die mit Ehren,
340
Und frei, auch selbst am Hofe noch,
341
Am Hofe grau geworden wären.
342
Doch kann man, Dank sey der Natur!
343
Auch füglich ohn' Alfonse leben.
344
Wer war beglückter? War's
345
Der für den eitlen
346
Bei jedem zweifelhaften Sieg,
347
Für Jahrgehalt, die Narrenbühne
348
Der Schmeichelei, wie wild bestieg;
349
Doch als sein Abgott ihn beschämte,
350
Zu Bette kroch, mit Einmal schwieg,
351
Und kindisch sich zu Tode grämte?
352
War's nicht
353
Ihn gleich ins fünfte Stockwerk führte,
354
Ganz ruhig, um das trockne Brod,
355
Der Stümper Noten selbst, copirte,
356
Und hundert glänzende Pistolen
357
Der
358
Den sie entnervte, erst gestohlen,
359
Mit einem edlen Stolz' verbat?
360
Zwar durfte dann der Genfer nicht
361
An Hymens stille Freuden denken;
362
Doch hielt er es auch nicht für Pflicht,
363
Die goldne Freiheit wegzuschenken,
364
Um, (denn von Liebe lebt man nicht,)
365
Sich bei dem mageren Gesicht'
366
Der Gattin und des Sohns zu kränken.
367
Wer seine Freiheit so verliert,
368
Der hat auf immer sie verloren! –
369
Allein, nicht wahr? der Jüngling rührt
370
Dein Herz, den Liebe so verführt?
371
Ach! selbst aus Weisen macht sie Thoren!
372
Dient nicht dem Fürsten, dient dem Staat'!
373
Doch was heißt oft: dem Staate dienen?
374
Der Mann, der nicht auf krummem Pfad'
375
Die Gunst von seines Fürsten Phrynen
376
Erschmeicheln, bei des Fürsten Rath
377
Nicht tief gebückt um Gnade betteln,
378
Und sein Verdienst mit Bankozetteln
379
Dem Günstling' nicht beweisen kann:
380
Das ist vielleicht ein weiser Mann.
381
Wer aber wird's dem Fürsten sagen?
382
Wer stellt ihn dem Minister vor?
383
Ist er ein Autor? – Zu beklagen!
384
Ein Autor ist am Hof' ein Thor.
385
Ein Höfling liest aus Langerweile;
386
Aus Eitelkeit? Das ist schon viel!
387
Doch tanzet
388
Zeigt
389
Dann ist, vergöttert kaum,
390
Mit allem seinem Witz', ein Narr.
391
Des Autors Ruhm ist eine Brücke
392
Zur Ewigkeit, und nicht zum Glücke.
393
Die steilen Pfade auszuspähn,
394
Die jener stieg, will's scharfe Blicke,
395
Und mancher Fürst kann gar nicht sehn.
396
Und solch ein Autor, und im Staat'
397
Zu keiner Stelle brauchbar? Wäre
398
Das möglich? Oder ist's Chimäre?
399
Ist's Unsinn? – Unsinn in der That!
400
Allein verlangst du, weiser Mann,
401
Just in den Kreis gestellt zu werden,
402
Den
403
O! sieh dich in der Welt erst um,
404
Bis dich Erfahrung überführt,
405
Daß diesen großen Kreis der Erden,
406
Wie
407
Von
408
Sieh! wie der Principal mit Schreien,
409
Wie ein Lackei, den König spielt,
410
Indeß ein
411
Des Königs ganze Rolle fühlt;
412
Doch ohne sich dadurch zu stören,
413
Denkt er auf seine Roll' allein;
414
Er läßt den Principal in Ehren,
415
Und das Parterre Richter seyn.
416
So dient ein Mann von Geist, wo schier
417
Kein Geist zum Dienste nöthig ist.
418
O Mann! wohnt Sülly's Geist in dir?
419
Sey Sülly, und – doch unbeschadet
420
Der Freiheit – sey dabei Copist!
421
Du bist doch Sülly! Aber ladet
422
Das Glück dich selbst ans Ruder ein,
423
Dann sey dem Staat', was du allein
424
Dir im Verborgenen itzt bist.
425
Die Kunst ist freilich nicht so klein,
426
Ein Mann von Geist, und Subaltern
427
Von einem großen Ordensstern'
428
Und einem kleinen Herzen seyn.
429
Gehorchen will schon Niemand gern;
430
Nun noch dem Dummkopf' oben ein!
431
Ach! zu bedauren ist der Weise,
432
Der seiner Gattin den Verdruß
433
Verbergen
434
Wer ledig ist, ist auf der Reise;
435
Er bleibt, so lang' es ihm gefällt;
436
Wo nicht? So viel, als dann der Weise
437
Gebraucht, hat jeder Ort der Welt.
438
Zwar ob wie Curius man Rüben,
439
Ob, wie Lucull, Muränen speise?
440
Ist keinem von uns gleich, ihr Lieben!
441
Doch wer Muränen haben kann,
442
Und nur, steht ihm der Preis nicht an,
443
Nicht haben will, der ist bei Rüben
444
Noch ein beneidenswerther Mann.
445
Und diesen stolzen Eigensinn,
446
Ihr Thoren! mögt ihr immerhin,
447
Wie billig, unbegreiflich finden.
448
Ein solcher Sonderling zu seyn,
449
Ist Ehre! Gold und Schmeichelein
450
Erkaufen nie sein Herz zu Sünden.
451
Wer gegen Gold und Schmeichelei,
452
Und Adelsbrief' und Ordensbänder,
453
Und Leckerbissen fremder Länder,
454
Und Wein vom Cap und aus Tokay,
455
Empfindlich ist, der ist nicht frei.
456
Doch wer an seinem Kopf' und Herzen
457
Und einem Freunde in der Noth
458
Genug hat, der kann nichts verscherzen,
459
Und fürchtet weniger den Tod.
460
Zufrieden, darf er nichts beneiden,
461
Und für sein kleines Mittagsbrod
462
Und seine Hütte, seine Freuden,
463
Niemanden dankbar seyn, als Gott.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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    Deutsch kompetent

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk
(17481828)

* 13.07.1748 in Gröningen, † 18.02.1828 in Syców

männlich

deutscher Dichter des Rokokos und preußischer Beamter

(Aus: Wikidata.org)

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