Die deutsche Mutter

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Adolf Friedrich von Schack: Die deutsche Mutter (1854)

1
Das ist ein Fest, ein herrliches, heut!
2
Kanonengekrach und Glockengeläut
3
Und Hallen von Siegesliedern!
4
Nein, nein! Reißt ab von den Helmen das Laub
5
Und streut auf das Schlachtfeld Asche und Staub,
6
Wo Brüder sich würgten mit Brüdern!

7
Tot beide, die ich mit Schmerzen gebar,
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Die schöner und schöner von Jahr zu Jahr
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Erblühten an meinen Küssen!
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Gebrochen nun in des Lebens Mai
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Ihr rosiges Haupt! Vom heißen Blei
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Die Brust den Teuern zerrissen!

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O hätt' ich – das ist's, was am Herzen mir zehrt –
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Das Wort sie nimmer stammeln gelehrt,
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Das in den Tod sie getrieben!
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Mein, mein die Schuld! Mit erhobener Hand
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Gebot ich ihnen, das Vaterland,
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Das deutsche, vor allem zu lieben.

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Wenn abends die zwei mir saßen im Schoß,
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Oft ihnen erzählt' ich von Waterloos,
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Von Leipzigs herrlichen Schlachten,
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Wie heim aus dem Feld ihr Vater, ihr Ahn
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Sich Ehren für Thaten, die sie gethan,
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Und leuchtende Wunden brachten.

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Da flammten die Augen der Knaben in Glut
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Und ließen mit Stolz des Gatten Blut
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In den Adern der Söhne mich ahnen.
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Was mehr? Die Jünglinge trieb es – kein Halt! –
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Zu Habsburgs Adler den Theobald,
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Den Karl zu den preußischen Fahnen.

31
»mein Bruder, leb wohl! Doch bald vereint
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Wehn unsere Banner wider den Feind
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Und jagen ans Meer ihn nach Westen;
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Für Deutschland, wie uns die Mutter gelehrt,
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Laß dann, des Ahnen, des Vaters wert,
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Uns kämpfen unter den Besten.«

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Und sie träumten noch von vereintem Sieg;
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Wer war es, o wer, der da den Krieg
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Von Deutschen mit Deutschen entflammte?
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Wohl bebte zurück die entsetzte Natur;
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Doch band an die Fahnen die zwei ihr Schwur
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Und riß sie ans Werk, das verdammte.

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Die Hölle jauchzte; von Süd und Nord
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Entgegen sich zogen zum Brudermord
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Die Heere mit klingendem Spiele;
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Und, wie ich jammernd am Boden lag,
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Die beiden Söhne bei Nacht und Tag
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Schaut' ich in dem Schlachtengewühle.

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Und Flammenzischen und Rädergeroll
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Und Krachen der Feuerschlünde erscholl
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Und Sterbender Aechzen und Wimmern;
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Da schwand der Dampf, der die Wahlstatt umflort,
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Und blutend lagen die zwei, durchbohrt,
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Auf Haufen von Leichen und Trümmern.

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O Mutter der Schmerzen! Vom Kruzifix
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Des Sohns schau her mitleidigen Blicks
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Und denk, du hattest nur einen!
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Nicht gleicht dein Jammer dem meinen; dir quillt
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Die lindernde Thräne vom Auge mild,
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Ich habe keine zu weinen.

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Und ihr, mit Jubel und Festlust heut
62
Verhöhnt ihr mein Weh, mit Glockengeläut
63
Und hallenden Siegesliedern? –
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Schweigt! schweigt! Reißt ab von den Helmen das Laub
65
Und streut auf das Schlachtfeld Asche und Staub,
66
Wo Brüder sich würgten mit Brüdern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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