Hallt um mich, ihr Sterbeglocken!

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Adolf Friedrich von Schack: Hallt um mich, ihr Sterbeglocken! Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Hallt um mich, ihr Sterbeglocken!
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Mönche, reicht das Kruzifix!
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Wie die Atemzüge stocken,
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Sinkt die Wucht des Mißgeschicks;
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Lang genug auf Erden büß' ich,
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Wankend an dem Pilgerstab,
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Als den ersten Rastort grüß' ich
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Wandermüde nun das Grab.

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Schon als Knabe, da die bleiche
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Mutter weinend mich umschlang,
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Sie, die an des Vaters Leiche
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Wahnsinnsvoll die Hände rang,
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Irrt' ich mit ihr Jahr' um Jahre
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Durch die Welt im Trauerzug,
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Neben mir die Totenbahre,
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Die den blassen Vater trug.

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Ziemte mir, dem Unglückssohne –
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Früh schon war ich todeskrank –
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Mir von jenem Reich die Krone,
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Dem die Sonne nie versank?
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War ich würdig, daß in Aachen
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Bei des großen Karl Gebein
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Jene schwarzen Wähler sprachen:

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Immer noch vor meinen Sinnen
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Schwebt der ungeheure Tag,
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Da in Worms auf morschen Zinnen
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Sonnengleich die Zukunft lag;
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Jeder Blick sah hoffnungstrunken
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Zu ihr auf, dem Licht erwacht;
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Ich allein, in mich versunken,
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Starrte in die alte Nacht.

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Unbekannte Rufe stiegen
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An mein Ohr mit fremdem Klang;
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Neue Fahnen sah ich fliegen,
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Die ein neuer Glaube schwang;
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Rauschen zwischen ihren Falten
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Hört' ich eine junge Zeit;
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Aber finstre Nachtgestalten
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Geißelten mich in den Streit.

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O die Banner! Wohl zertreten,
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Nicht bezwingen konnt' ich sie,
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Und der Klang der Siegsdrommeten
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Scholl wie Trauermelodie,
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Und das Auge mußt' ich senken
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Vor dem hingestürzten Aar –
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Soll ich noch an Mühlberg denken,
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Denken noch an Villalar?

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Horch! Durch diese Glockenklänge,
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Seufzerschwer, im Trauerchor,
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Tönen mir die Grabgesänge
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Meiner Völker an das Ohr.
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Zu der Welt, die ich besessen,
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Schweift das Auge mir hinab,
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Wie sie weithin, unermessen
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Liegt, ein riesenhaftes Grab!

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Fern, vom letzten Strahl beschienen,
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Dämmert mir das deutsche Reich;
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Schon auf stürzende Ruinen
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Sinkt die Nacht, dem Tode gleich;
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Matte Stimmen hör' ich, lallend
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Von vergangner, großer Zeit,
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Doch der Glockenruf, verhallend,
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Trägt sie in die Ewigkeit.

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Näher mir auf wirrem Schutte
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Steht ein florumhüllter Thron,
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Und ein König in der Kutte –
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Ich erkenne meinen Sohn –
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Zählt die leichenvollen Särge,
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Die, der seine Reiche lenkt,
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Jener herzogliche Scherge
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In den großen Friedhof senkt.

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Spanien, wirf sie hin, die Lanze,
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Da dein letzter Ritter fiel!
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Sterbend zittert die Romanze
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Auf dem letzten Saitenspiel!
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Statt der Lieder nun, der frohen,
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Füllt dich dumpfer Kettenklang,
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Und der Scheiterhaufen Lohen
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Leuchtet deinem Untergang.

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Aber fernehin im Westen
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Seh' ich Küsten, frisch und grün,
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Mit den morgentaugenäßten
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Fluren aus dem Meer erblühn;
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Und ein Kiel mit segelvollen
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Masten naht dem schönen Strand,
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Und die Anker hör' ich rollen,
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Und die Schiffer rufen: Land!

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Ja, das Schiff der Menschheit steuert
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Zu dem Port der jungen Welt,
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Wo das Leben sich erneuert,
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Und das Dunkel sich erhellt.
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Doch für mich und diese alte,
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Die mit mir zu Tode geht,
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Nun der Glockenton verhallte,
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Mönche! sprecht ein Grabgebet!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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