Der Grieche im Norden

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Adolf Friedrich von Schack: Der Grieche im Norden (1854)

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Gerne glaub' ich an die Mythe,
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Freund, daß aus der Nymphen Schar
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Im Gefolg' der Amphitrite
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Eine deine Mutter war,
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Daß am Klippenstrand von Delos,
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Bald in Grotten, meerumschäumt,
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Bald auf Halden, ewig schneelos,
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Du die Kinderzeit verträumt.

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Dort auf eines Felshangs Rasen
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Lagst du bei der Flut Geroll,
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Wenn das Muschelhörnerblasen
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Der Tritonen vor dir scholl
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Und der Nereiden Lachen,
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Die in des Poseidon Zug
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Auf gezäumten Meeresdrachen
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Hin und her die Woge schlug.

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In den immer lauen Lüften,
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Drin ihr Haupt die Palme wiegt,
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Hat um Brust dir und um Hüften
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Keine Hülle sich geschmiegt;
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Aber welcher Dämon war es,
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Welches bösen Gottes Fluch,
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Der an unser unwirtbares,
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Eis'ges Ufer dich verschlug?

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Aus den Nebeln, drin wir siechen,
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Ward von dir seitdem die Flucht
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Nach dem Sonnenland der Griechen
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Fort und fort umsonst gesucht,
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Und der du vordem im Süden
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Blühtest, den Olympiern gleich,
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Nun in unserm Frost mit müden
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Gliedern wankst du krank und bleich.

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Nein! Nicht so im Winterkleide
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Kaure fort am Flammenherd!
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Nimm den Trank hier, teurer Heide,
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Drin des Südens Feuer gärt!
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Selbst ihn durch die Purpurwogen
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Bracht' ich dir von Hellas her,
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Wo er seine Glut gesogen
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Aus der Sonne des Homer.

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Trink, den Frost des Bluts zu tauen;
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Und, verklärt in lauterm Glanz,
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Wieder dir zu Häupten blauen
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Wird der Himmel Griechenlands.
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Auf den Hügeln, auf den Hängen
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Liegt des Herbstes goldner Schein,
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Und bei jubelnden Gesängen
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Keltern Jünglinge den Wein.

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Und, umbraust von wutentbrannter
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Thyrsusschwinger Evoe,
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Naht mit dem Gespann der Panther
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Selbst der Sohn der Semele;
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Satyrn folgen mit den Schläuchen,
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Faune, trippelnd auf den Zeh'n,
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Und, voll süßen Weins, mit Keuchen
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Schleppt sich hinterdrein Silen.

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Polyphem läßt seine Lämmer
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An des Westens Ocean,
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Der Cyklope sein Gehämmer
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In der Werkstatt des Vulkan;
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Ihrer jeder drängt zur Kelter
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Sich heran in wildem Lauf,
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Fängt die Güsse saftgeschwellter
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Trauben mit den Lippen auf.

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Und der Jubel braust gedoppelt;
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Aus dem Kreis der andern tritt
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Mensch und Roß in eins gekoppelt,
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Ein Centaur im Taumelschritt,
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Und zu dir, ein halb Bezechter,
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Spricht er: »Alter Freund, so stumm?
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Ein homerisches Gelächter
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Laß doch hören wiederum!«

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Ja, der Sorgen trüben Heerrauch,
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Drin dein Leben welkt und dorrt,
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Mein Genelli, ob dich schwer auch
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Deutschland kränkte, scheuch ihn fort!
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Die Olympier selber grämen
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Sich, daß so dein Pinsel ruht;
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Drunten irren, blasse Schemen,
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Sie um des Kocytus Flut.

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Ach! das Naß der Griechenreben
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Weckt sie kurz nur, halb zum Schein;
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Dich, es ihnen ganz zu geben,
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Flehn sie an; die Macht ist dein.
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Auf! All deine Lebensgeister
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Sammle, von dem Trank durchglüht,
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Daß durch dich, geliebter Meister,
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Neu die Götterwelt erblüht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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