Der Blinde

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Adolf Friedrich von Schack: Der Blinde (1854)

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Nicht im Frührot siehst du mehr
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Purpurn glühn die Himmelsränder,
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Nicht den Tag, der hoch daher
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Wandelt um die Erdenländer,
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Nicht des Mondes milden Schein,
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Noch den Frühling und die Rose:
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Ewig starrt dein Blick allein
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In die Nacht, die grenzenlose.

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Aber herrlich strahlend bricht,
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Wie Arktur durch Wolkenrisse,
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Deiner Seele klares Licht
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Durch des Auges Finsternisse;
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Denn was andern Blindheit heißt,
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Gab der Himmel dir als Hülle,
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Drunter ungestört dein Geist
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Schwelg' in reinen Glanzes Fülle.

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Hell wie durch ein Seherohr,
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Schaut er tief im sternbesäten
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Aetherblau den Reigenchor
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Aller Sonnen und Planeten,
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Und das Kreuz, das überm Haupt
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Unsrer Elterväter kreiste –
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Längst ist seiner nun beraubt
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Unser Himmel, der verwaiste.

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Fernehin des Orients
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Thore sieht er aufgeschlossen
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Und den ersten Erdenlenz
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Ueber Eden ausgegossen,
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Sieht von Indiens Kaukasus
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Hoch aufglühn die Gletscherzinnen
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Und den Paradiesesfluß
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Vierfach durch die Länder rinnen;

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Sieht die Inseln Griechenlands
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Glorreich tauchen aus dem Meere,
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Und der Chöre Feiertanz
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Um die flammenden Altäre,
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Und mit Rossen, die den Tag
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Aus den mächt'gen Nüstern sprühen,
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Bei der Wogen höherm Schlag
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Helios nahn im Morgenglühen.

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Milde leuchtend immerdar,
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Dämmert durch der Zukunft Schleier
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Dir das neue Erdenjahr
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Und die große Frühlingsfeier,
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Wenn die Menschen sich, befreit,
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Nur dem Joch der Liebe fügen,
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Und, wie in der goldnen Zeit,
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Lamm und Leu beisammen liegen.

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In der Nacht der Blindheit so
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Mahnst du mich, beglückter Seher,
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An den Aar, der sonnenfroh
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Droben schwebt, dem Lichtquell näher;
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Ach! uns Seh'nde labt sie nicht,
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Jene lautre Strahlenquelle;
55
Uns erstirbt das höhre Licht
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In des Tags gemeiner Helle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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