Denkst du, lieber Goethomane

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Adolf Friedrich von Schack: Denkst du, lieber Goethomane Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Denkst du, lieber Goethomane,
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Den man oft wie mich geneckt,
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Daß wir unsres Wolfgang Fahne
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Allzu eifrig aufgesteckt,
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Denkst du noch der Nacht beim Sekte
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In dem Keller Auerbachs,
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Als wir sprachen vom Projekte
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Unsres Goethe-Almanachs?

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Im Gewölb mit spitzem Giebel,
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Wo der Ruhm noch nicht erlosch
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Des Gelages, welches Siebel
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Dort mit Altmayr hielt und Frosch,
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Feierten wir Goetheschüler
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(diesmal nicht am Lesepult,
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Sondern beim Geriesel kühler
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Rebensäfte) unsern Kult.

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Vor dem Trinken schon am Eßtisch
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Waren wir begeistrungsvoll,
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Daß der Versquell anapästisch
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Von den Lippen niederquoll;
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Und als gar ein Glas Burgunder
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Erst zum Munde wir geführt,
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Ward der Geist wie trockner Zunder
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Uns zur Flamme angeschürt.

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Laut, so daß bei deinem Pathos
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Fast das Glas vom Tische flog,
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Deklamiertest du Torquatos
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Weltberühmten Monolog –
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Iphigenien in Tauris
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Pries vor allen Gustav mir,
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Heinrich zeichnete im Bauriß
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Goethes Haus uns aufs Papier.

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Hermann sprach: »Hinweg mit Posa,
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Der die Welt verbessert hat,
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Doch zugleich mit schaler Prosa
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Den Parnaß gewässert hat!
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Jener Dichter, welcher Thekla,
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Neben dem, der Mignon schuf,
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Dünkt mich eisig, wie der Hekla
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Neben Aetna und Vesuv.«

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Gustav rief indes: »Mit Rheinwein
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Laßt uns die Häretiker
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In den Goethe-Glauben einweihn,
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Denn zu Sel'gen macht nur er!«
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Du, berauschter Fürst von Thule,
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Warfst den Becher in das Meer;
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Aber, schwankend auf dem Stuhle,
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Fielst du selber hinterher.

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Schwächer brannten schon die Lichter;
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Aus den Rahmen am Gewölb
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Schauten finstere Gesichter
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Auf uns nieder fahl und gelb;
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Siehe! und in unsre Sitzung
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Drang auf einmal – war es wahr
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Oder Spuk der Weinerhitzung? –
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Ein erstaunlich fremdes Paar.

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Mit dem Wams von gelbem Leder
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(braungelb wie ein gift'ger Pilz)
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Und der roten Hahnenfeder
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Auf dem Hut von grauem Filz,
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Den er höflich und fast knechtisch
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Grüßend in der Rechten hielt,
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Trat Mephisto an den Zechtisch,
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Just so, wie ihn Grunert spielt.

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Ganz dämonisch, nicht geheuer,
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Dünkte mich der arge Schalk
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Mit dem Mantel rot wie Feuer
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Und dem Antlitz weiß wie Kalk;
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Ihm zur Seite stand in saubrer
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Rittertracht und Samtkollett
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Faust, der weitberühmte Zaubrer,
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Auf dem Haupte das Barett.

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Bald gescheucht von jeder Wimper
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War der Schlaf, der sie befiel;
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Leise tönte das Geklimper
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Von Mephistos Saitenspiel,
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Und, indes das Lied vom Flohe
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Zu der Zither er begann,
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Zog der wunderbare hohe
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Seher Faust mich zu sich an.

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In dem Starren seines Blickes,
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Da er still und brütend saß,
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Ahnt' ich, wie er des Geschickes
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Dunkle Abgrundtiefen maß;
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Und er sprach, indem die Rechte
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Er mir reichte: »Denkst du, Freund,
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Noch der Zeit, da manche Nächte
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Wir zusammen durchgeweint?«

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Sprach's, und seiner Stimme Laute
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Weckten in mir altes Weh,
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Und aus meinem Auge taute
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Eine Zähre, heiß wie je;
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Vor mir lag des Erdenpfades
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Dunkler, vielverschlungner Lauf,
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Und aus meiner Seele Hades
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Stiegen alte Schatten auf.

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O in jeden Kelch der Freude
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Wird mir Wermut so gemischt,
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Wie im blühenden Gestäude
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Die versteckte Natter zischt!
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In dem Morgenhauch des Ostes,
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In der saft'gen Frucht der Trift,
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Wie im Labetrunk des Mostes
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Schmeck' ich das verborgne Gift.

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Da wir trauernd, sympathetisch
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Saßen, rieft ihr: »Habt Verstand!
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Die Zerrissenheit, der Fetisch
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Unsrer Zeit, sei hier verbannt!
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Hält vielleicht die Mutter Sarah,
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Weltschmerz, ihre Niederkunft
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Mit Child Harold oder Lara
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Oder Manfreds Unvernunft?«

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Wieder dann, jedoch voll Aerger
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Naht' ich eurem Tische mich,
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Wo beim Glas Johannisberger
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(wirklich echtem Metternich)
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Mephistopheles, der Käuze
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Wundersamster, Witze riß,
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Doch bisweilen vor dem Kreuze
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An der Wand die Wut verbiß.

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Allen uns ein Freudenwecker
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Ward der Wein, nur Fausten nicht,
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Und Mephist, der feine Schmecker,
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Schnitt ein bitteres Gesicht;
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Jener seufzte: »Wie der Kranich
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Möcht' ich ziehen übers Meer;«
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Dieser rief: »Eur Wein ist kahnig,
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Aber andern schaff' ich her!«

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Schleunig grub er mit dem Bohrer
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Löcher in die Tafel ein;
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Drauf die Höllenmacht beschwor er:
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»acht gegeben! Schöpft den Wein!«
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Sieh! und funkelnd, goldenperlig,
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Floß in jedes Glas der Strom,
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Und wir riefen: »Herrlich! herrlich!
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Wie voll Geist und voll Arom!«

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Doch genug! die weitre Scene
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Steht im Goethe Wort für Wort.
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Endlich ritt – vergleiche jene! –
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Auf dem Faß Mephisto fort,
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Und, wie Hexen auf den Sabbat,
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Führt' er mich – verzeih mir's Gott,
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Dem ich oft schon Sünden abbat! –
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Durch die Luft im lust'gen Trott.

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Fern von Leipzigs Meßgedränge
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Zog in deinen Blütenhain,
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Land des Weins und der Gesänge,
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Schönes Spanien, ich ein!
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Nicht an was aus euch geworden,
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Dacht' ich mehr in jener Nacht;
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Aber ach! im rauhen Norden
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Bin ich wieder aufgewacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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