Grüß mir den Strand, o Freund – du sahst ihn wieder –

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Adolf Friedrich von Schack: Grüß mir den Strand, o Freund – du sahst ihn wieder – Titel entspricht 1. Vers(1854)

1
Grüß mir den Strand, o Freund – du sahst ihn wieder –
2
Den ernsten Zeugen meiner frühsten Lieder,
3
Wo ich den ersten Jugendtraum geträumt;
4
Den hoch umrauschten Strand, den klippenvollen,
5
Um den, wenn sturmgepeitscht die Wogen rollen,
6
Die wilde Nordsee wallt und schäumt.

7
Oed' ist die Küste, ohne Wald und Grüne;
8
Nur düstre Tannen wachsen auf der Düne;
9
Im Winde schwankt das dürre Farrenkraut,
10
Und hie und da aus einzler Föhren Mitte
11
Erhebt sich einsam eine Fischerhütte,
12
Die auf die Brandung niederschaut.

13
Und an dem Strande ragt mit morschen Zinnen
14
Ein Schloß, um das die Sturmverkünderinnen,
15
Die Möven, kreisen im gezackten Flug –
16
Einst, o wie oft blickt' ich aus seinem Turme
17
Aufs Meer hinab, das im Dezembersturme
18
Zum Riff empor die Wogen schlug!

19
Und auf der Fluten ewig regem Tosen
20
Glitt mir der Blick, bis wo im Grenzenlosen
21
Der Himmel mit dem Wellenspiel verschmolz;
22
O, also noch in unermeßne Weiten
23
Sah ich das Leben sich vor mir verbreiten
24
In meiner Jugend erstem Stolz.

25
Mein Geist durchflog die uferlosen Räume;
26
Auf jener Brandung wogten meine Träume;
27
In jeder Welle, die sich schäumend brach,
28
Klang mir ein Wort, das mir von hohen Dingen,
29
Von großen Thaten, künftig zu vollbringen,
30
Mit mahnender Verheißung sprach.

31
Die Wolken brachten in den grauen Falten
32
Mir Wunderbilder mit und Traumgestalten,
33
Und jedes Schiff, das fern am Himmelsrand
34
Aufstieg, vom Duft der Ferne noch umnachtet,
35
War mir mit einem Schatz befrachtet
36
Aus einem fernen Zauberland.

37
Wie oft auf meinem sturmgewohnten Kahne
38
Fuhr ich hinaus, umwirbelt vom Orkane,
39
Wenn übers Meer der Nord die Geißel schwang
40
Und bald mich auf empörter Wellen Nacken
41
Entgegenschleuderte den Klippenzacken,
42
Bald abwärts in die Tiefe schlang.

43
Meer, heil'ges Meer! In deinem Wetterbrausen
44
Hört' ich die Donnerworte Gottes sausen,
45
Ich sah die Blitze seiner Herrlichkeit;
46
Den mächt'gen Puls des Weltalls fühlt' ich klopfen;
47
Unendlichkeit warst du; wie Wassertropfen
48
Zerrannen in dich Raum und Zeit!

49
Und staunend blickt' ich in die Wunderfülle;
50
Mein Ich verstummte; nur der Flut Gebrülle
51
Scholl über mir und Gottes Stimme nur;
52
Den Strom des ew'gen Seins glaubt' ich zu trinken
53
Und, mich mit ihm vereinend, hinzusinken
54
Ans große Weltherz der Natur.

55
O hättest du mich da hinabgeschlungen,
56
Gewaltiges! Aus deinen Dämmerungen
57
Tief unten blühte mir das Morgenrot –
58
Wer nach dem Ew'gen dürstet, o! der suche
59
Im Grab Erlösung von dem alten Fluche;
60
Denn Leben ist allein im Tod.

61
Mich aber riß die Welt in ihr Gewühle;
62
Sie trat der Jugend heilige Gefühle
63
Und meine Träume höhnend in den Staub;
64
Dem Blitzstrahl gleich hat mich ihr Fluch getroffen,
65
Und Blatt an Blatt und Hoffen neben Hoffen
66
Sank meines Daseins welkes Laub.

67
Doch immer starrt mir aus der Lebenswüste
68
Der Blick zurück nach jener fernen Küste,
69
Und wie, geängstigt von dem Hifthornklang,
70
Hin durchs Gebirg die Hindin schweift, die wunde,
71
Irrt oft mein Geist in mitternächt'ger Stunde
72
Noch jenen Klippenstrand entlang.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.