Der Steuermann

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Adolf Friedrich von Schack: Der Steuermann (1854)

1
»gen Süden gesteuert! Auf, zu den Rah'n,
2
Matrosen, auf, zu den Reffen!
3
Die Brigg treibt der Teufel uns auf die Bahn,
4
Wir konnten's nicht besser treffen!
5
Geschwind sie gekapert! Und ist es gethan,
6
So sei, ich schwör' es heilig und teuer,
7
Die Hälfte von dem Erbeuteten euer!«

8
Der Schiffsherr ruft's; mit Jubelgeschrei
9
Begrüßen sein Wort die Matrosen.
10
»wohlauf zur lustigen Kaperei!
11
Weh auf der Brigg den Franzosen!«
12
Nur der Steuermann Tom trotzt kühn und frei:
13
»was? plündern will die verworfene Rotte?
14
Nie soll das geschehn, beim lebendigen Gotte!«

15
Die Mannschaft, die es vernahm, erhub
16
Ein Lachen: »Ha über den Pfaffen!
17
Geh, Tom, und pred'ge dem Belzebub,
18
Nicht kümmert dich, was wir schaffen!«
19
»auf!« – donnert der Schiffsherr – »kein Verschub!
20
Werft über Bord mir den Rebellen!«
21
Und flugs ihn packen die wüt'gen Gesellen.

22
Tom stürzt, versinkt in das schäumende Meer,
23
Von den Wirbeln hinabgezogen;
24
Ein anderer tritt an den Platz, der leer,
25
Und steuert den Kiel durch die Wogen;
26
Das Schiff fliegt hinter der Beute her;
27
Doch schon hat die Nacht zu dunkeln begonnen;
28
Nicht sieht man die Brigg; fast scheint sie entronnen.

29
Und es düstert tief, als ob Todesgraun
30
Rings über dem Meere laste;
31
Die Matrosen stehn bei den Segeln und Taun;
32
Der Schiffsherr gebietet vom Maste –
33
Da hören sie unten ein Rauschen und schaun,
34
Wie Tom, der lange versunken Geglaubte,
35
Aus der Flut auftaucht mit dem bleichen Haupte.

36
Sieh, wie empor zu des Schiffes Rand
37
Langsam der Schreckliche klettert!
38
Wie neu er tritt an den alten Stand
39
Und den Steurer zu Boden schmettert!
40
Er wendet das Ruder mit fester Hand,
41
Und, bange gekauert an den Borden,
42
Flüstern die Schiffer: »Er steuert nach Norden.«

43
Die Stunden schwinden; dem Grausen zu nahn
44
Mag keiner vor Schrecken wagen;
45
Und als es über dem Ocean
46
Aufdämmernd begann zu tagen,
47
Da lähmte sie alle das Graun; sie sahn
48
Gebirge von Eise vor sich liegen,
49
Die empor gleich den Mauern des Weltalls stiegen.

50
Doch unverwandt nach Norden blickt Tom,
51
Wie die Nadel an der Bussole;
52
Schnell treibt und schneller der Meeresstrom
53
Den Kiel entgegen dem Pole,
54
Und bald, wie von einem krystallenen Dom,
55
Ist oben das Schiff und rings im Kreise
56
Umschlossen von flutendem, berstendem Eise.

57
Die Schollen türmen sich riesengroß
58
Gleich Alpen zum Himmelsdache
59
Und stürzen wieder zum Meeresschoß
60
Hinab mit Donnergekrache;
61
Und bei der Blöcke Fall und Stoß,
62
Die wie Hagelschlossen wirbeln und stieben,
63
Wo sind das Schiff und die Schiffer geblieben?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.