Herr Jobst

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Adolf Friedrich von Schack: Herr Jobst (1854)

1
Schlaff hängen die Segel, die Wellen ruhn,
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Kein Lufthauch regt die Gewässer;
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Kein Bissen mehr in den Kasten und Truhn,
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Geleert sind Tonnen und Fässer;
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Nur zehn Matrosen noch leben, nur zehn,
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Und wie sie ringsum die Gestorbenen sehn,
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Da denken sie: Jene beneiden wir nun;
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Fürwahr, sie haben es besser!

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Und der Schiffsherr spricht: »Nicht Trank, noch Brot!
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Bald ist auch der letzte verschmachtet;
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Drum werde das Mittel in äußerster Not,
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Das einzige, nicht verachtet!
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Ein Opfer muß fallen, – wohlan, es sei!
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Das Los mag entscheiden – bringt Zettel herbei!
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Und wen es trifft, der verfalle dem Tod!
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Er werde morgen geschlachtet!«

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O Guter! eh du den Einfall lobst,
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Was hast du ihn mehr nicht erwogen?
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Die Matrosen rufen: »Habt recht, Herr Jobst!«
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Kaum wird noch Beratung gepflogen.
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Sie mischen die Todeslose, sie ziehn,
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Und alle blicken verblüfft auf ihn:
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Er selber, der Schiffsherr, fett wie ein Probst,
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Das Los hat er selber gezogen.

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Schon ist es die Zeit, wo die Sonne sich neigt
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Zum flammenden Meeresbecken,
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Und sie raunen: »Wenn sie im Osten steigt,
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Dann soll uns der Dicke schmecken!«
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Herr Jobst vernimmt das bedrohliche Wort;
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Er sieht in den Blicken den lauernden Mord;
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Er lehnt an dem Schiffsrand, starrt und schweigt
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Und denkt an den Morgen mit Schrecken.

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Da tritt, in der Rechten das Seherohr,
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Zu ihm heran ein Matrose
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Und flüstert ihm heimlich, heimlich ins Ohr:
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»ihr seid getroffen vom Lose;
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Doch kann ich Euch retten, wenn Ihr mir vertraut!
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Das Fernrohr nehmt in die Hand und schaut!«
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Zugleich zieht er Feder und Rolle hervor
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Aus der Tasche der ledernen Hose.

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Herr Jobst ist nicht lässig, das Rohr zur Hand
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Und spähend vors Auge zu nehmen;
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Bald ruft er: »Bei Gott, ich erblicke Land!
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Ist's Wahrheit oder ein Schemen?
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Das Häuslein dort mit dem Gartenzaun,
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Weiß angetüncht, doch die Balken braun –
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O Himmel, wie ist mir das alles bekannt.
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Das ist ja der Hafen von Bremen!

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Durch die Thüre des Häuschens, die offen steht,
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Gewahr' ich mein Weib, die Hanne;
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Sie schafft an dem lodernden Herd und brät
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Ein Kartoffelgericht in der Pfanne;
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Ein Hammelrücken, vom Spieß durchbohrt,
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Steht über dem Feuer und knistert und schmort,
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Und meine Tochter, die Lise, gießt Met
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Aus dem mächtigen Krug in die Kanne.«

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Sodann der Matrose: »Bei Tochter und Weib
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Kannst heut du noch, wenn ich befehle,
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Mit Trank und mit Speise dir laben den Leib, –
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Was bietest du mir? Erzähle!«
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Und Jobst: »Mein Haus und mein Garten sei dein,
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Führst du mich dorthin vor dem Morgenschein.«
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Doch jener: »Was andres verlang' ich; verschreib,
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Verschreib mir mit Blut deine Seele!«

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Da ruft Herr Jobst: »Feind, bleibe mir fern,
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Du grimmiger Wolf unter Schafen!
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Meine Seele flüchtet zu Gott, dem Herrn;
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Den Leib mag mit Tod er bestrafen!«
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Und wie in Luft der Matrose zerrinnt,
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Erhebt sich, von Gott gesendet, ein Wind,
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Und ehe noch leuchtet der Morgenstern,
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Ist das Schiff in dem traulichen Hafen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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