Walther von Immenstadt

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Adolf Friedrich von Schack: Walther von Immenstadt (1854)

1
Herr Walther war es von Immenstadt,
2
Im Heere von allen der Beste,
3
Der mit eisernem Arm, im Kampf nie matt,
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Den Nacken der Heiden preßte;
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Kaum flammte sein Schwert vor Liddas Wall,
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So flohen die Sarazenen all,
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Und es strahlte das Kreuz auf der Feste.

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Mit dem wackern Häuflein zieht er durchs Thor;
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»nun geht, die Kerker zu sprengen!«
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Flugs thun sie sich auf; ihm schallt an das Ohr
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Ein Chor von Christengesängen;
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Er sieht die Befreiten, welk und blaß,
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Die Hand ihm netzend mit Thränennaß,
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Um ihn, den Retter, sich drängen.

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Bald ist auf dem Markt ein purpurnes Zelt
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Von Damaskischer Seide zu schauen,
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Und die Tafel reichlich mit allem bestellt,
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Was gedeiht auf Syriens Auen;
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Voll cyprischen Weines schäumt der Pokal,
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Und Sänger verschönern mit Liedern das Mahl
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Und sarazenische Frauen.

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Da, musternd der glücklichen Gäste Kreis.
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Blickt plötzlich erstaunt Herr Walther.
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»fürwahr, dort drüben erkenn' ich den Greis;
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Wer bist du? sage mir, Alter!«
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Der Greis erhebt sich: »Hans Hildebrand,
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Schulmeister aus Schwaben, küßt Euch die Hand,
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Mein Retter, mein Lebenserhalter!«

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»und bist du noch Walthers, des jungen, gedenk?«
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Fragt lächelnd der Feldherr weiter.
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»ei wohl!« – ruft jener, vom Rebengetränk
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Schon halb umnebelt und heiter, –
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»ei wohl gedenk' ich des argen Wichts;
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Ein Wildfang war er, ein Taugenichts,
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Wie in ganz Schwaben kein zweiter.

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Bei Aufruhr, Raufen und Schlägerein
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Kam keiner ihm gleich in der Schule;
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Doch zum ABC und dem Einmalein
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Nie hatt' er Geduld auf dem Stuhle.
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War irgend geschehen ein böser Streich:
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›das that der Walther‹, dacht' ich sogleich
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Und verwünscht' ihn zum Höllenpfuhle.

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Hätt' ich ihm mehr nur den Rücken zerbläut,
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Das möcht' ihn gebessert haben;
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Doch, wenn es so fortging, ist er heut
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Längst unter dem Galgen begraben.«
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Mehr will er erzählen, doch Walther lacht:
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»ei! hat mich verwandelt die Kriegertracht?
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Erkennst du in mir nicht den Knaben?«

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Der Greis sinkt bebend zu Boden hin
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Und fleht: »Herr! könnt Ihr vergeben?«
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Doch Walther erhebt ihn und füllt für ihn
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Den Becher mit Naß der Reben:
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»auf! thu mir Bescheid in dem köstlichen Saft!
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Das ABC und die Wissenschaft
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Und du, mein Lehrer, sollst leben!

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Doch daß auch in Ehren das Kriegswerk sei
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Und wer früh sich übt für die Schlachten!
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Nicht hat er Behagen an Schulfuchserei;
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Nach Kämpfen nur steht sein Trachten.
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Wär' ich, wie du wolltest, so zahm und bang
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Als Schüler gewesen, du hättest noch lang,
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Mein Guter, im Kerker zu schmachten.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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