Erwin von Steinbach

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Adolf Friedrich von Schack: Erwin von Steinbach (1854)

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»dank dir, Ew'ger! Meine Sendung
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Auf der Erde ward vollbracht;
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Denn in herrlicher Vollendung
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Strahlt das Werk, das ich erdacht,
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Um den ungebornen Jahren
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Künft'ger Zeit zu offenbaren,
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Daß ich nicht umsonst gelebt.«
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Erwin also vor dem Münster,
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Der zum Abendhimmel finster
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Seine Riesenmauern hebt.

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Ueber den gewalt'gen Zinnen
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Steigt der Mond ins Aetherblau;
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Und noch lang in tiefem Sinnen
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Steht der Meister vor dem Bau,
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Während um ihn, stumm und stummer,
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Schon die Welt in sanften Schlummer
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Ihre kleinen Sorgen wiegt
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Und auf ihren Menschenzwergen
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Von dem Turme, hoch gleich Bergen,
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Der erhabne Schatten liegt.

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Da, so wie im Jugendschwunge
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Dichterlippen zum Gesang,
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Hebt des Domes Glockenzunge
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Sich zum ersten Feierklang;
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Schallend öffnet am Portale
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Sich das Thor der Kathedrale,
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Und von innen dröhnt ein Ruf;
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Wohl versteht der Greis die Mahnung,
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Und er tritt mit ernster Ahnung
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In die Welt, die er erschuf.

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Festlich grüßen ihn die hehren
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Hallen mit dem mächt'gen Chor,
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Von den prangenden Altären
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Wallt der Myrrhenrauch empor;
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Mystisch aus der Fensterrose
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Sieht er durch die grenzenlose
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Wölbung einen Schimmer glühn,
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Sieht ihn droben von den Knäufen
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Der gewalt'gen Säulen träufen,
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Hier in den Kapellen blühn.

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Und ihm ist, zu allen Seiten
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Rege sich der Bau um ihn,
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Wo die eh'rnen, langgereihten
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Bilder in den Nischen knien;
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Seltsam flimmert's an den Wänden;
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Die Apostel in den Blenden
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Oeffnen ihr geweihtes Buch,
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Und von Jungfraun, die zum Segen
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Ihre Lippen sanft bewegen,
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Hört er rings den Atemzug.

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Horch! und von den Höhn des Domes
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Quillt herab der Orgelklang,
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Wallt und flutet mächt'gen Stromes
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Durch den Strebebogengang;
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Und aus allen Schiffen brechen,
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Wie das Meer in tausend Bächen
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Ueber seine Dämme braust,
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Echoreiche Katarakten,
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Deren Fall an den gezackten
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Pfeilern in die Tiefe saust.

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Erwin kniet, ein stummer Beter,
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Und hernieder durch das Dach
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Strömt auf ihn ein Sonnenäther
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Heller als der Erdentag;
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Durch die hohen Säulenlauben
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Schweben weiße Gottestauben
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Und beschwingte Seraphim,
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Und ein Rauschen heil'ger Palmen
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Und Gesang von Himmelspsalmen
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Wogt und flutet über ihm.

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»meister, Meister!« – tönt's im Chore –
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»tritt aus der, die du gebaut,
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In die himmlische Empore,
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Die du oft im Traum geschaut!
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Durch die Reihn der lichtumwallten
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Vierundzwanzig hehren Alten,
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Wo die sieben Fackeln lohn,
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Durch die Halle, jaspissäulig,
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Und das Heilig, heilig, heilig,
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Folg' uns nun zu Gottes Thron!«

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Also rauscht es im Chorale
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Durch die nächt'ge Wunderwelt;
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Aber als mit erstem Strahle
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In den Dom der Morgen fällt:
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An dem Pfeiler da, nach oben
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Betend noch den Blick erhoben,
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Liegt der greise Meister tot,
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Und der Tempel der Gesänge
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Schickt die letzten Orgelklänge
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Sterbend in das Morgenrot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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