Das Bahrrecht

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Adolf Friedrich von Schack: Das Bahrrecht (1854)

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»nun geht, Graf Otto! Zum drittenmal
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Erduldetet ihr die Folterqual
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Und habt sie, wie keiner, bestanden.
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Wohlan denn! Reinigt Euch ganz vom Verdacht,
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Als hättet den Ohm Ihr umgebracht
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Aus Gier nach Schätzen und Landen!
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Drei Stunden harret mit festem Mut
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Allein an der Bahre, darauf er ruht;
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Entquillt den Wunden alsdann kein Blut,
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So lösen wir Euch aus den Banden.«

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Drauf Otto: »Ich scheue die Probe nicht;
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Kommt, daß ich allen wie Sonnenlicht
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So klar meine Unschuld mache!«
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Er spricht's; ihn führen die Schöffen den Gang
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Zur Totenkammer schweigend entlang;
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Durch die Thür ein läßt ihn die Wache.
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Davor wird wieder gewälzt der Stein,
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Und der Graf bei flimmerndem Lampenschein
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Bleibt mit des Herzogs Leiche allein
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Im schwarzbehängten Gemache.

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Da liegt der Greis, der einst ihn erzog
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Und mild des verwaisten Knappen pflog,
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Da liegt er vor ihm auf der Bahre;
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Sein Antlitz, drauf einst Liebe wie Haß
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So mächtig geflammt, nun welk und blaß,
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Umflossen vom weißen Haare.
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Graf Otto steht in Sinnen versenkt;
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Nicht mehr, wie schwer ihn der Tote gekränkt,
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Als er ihm die Tochter versagt, nun denkt
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Er nur an die glücklichen Jahre;

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Denkt, wie er zuerst mit Schwert und Schild
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Zur Seite des Ohms aufs Schlachtgefild
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Gesprengt durch das Waffengeblitze;
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Und wie, als er selber im Kampfe verzagt,
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Sein eigenes Leben der Herzog gewagt,
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Damit er den Knappen beschütze.
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Er denkt es; ihm deckt die Augen ein Flor;
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Blut, glaubt er, quill' aus den Wunden hervor,
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Das, Gottes Rache heischend, empor
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Zur Wölbung der Kammer spritze.

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Noch steht in stummem Starren der Graf;
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Da ist ihm, als säh' er vom Todesschlaf
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Den Greis sich langsam erheben,
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Als schlag' er die Augenlider zurück
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Und schau' ihn an mit dem alten Blick,
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Nur finsterer als im Leben.
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Graf Otto taumelt zurück mit Graun;
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Er wankt, doch kann er hinweg nicht schaun;
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Kalt auf die Stirne fühlt er es taun
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Und den Boden unter sich beben.

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An der Bahre liegt er dahingestreckt,
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Als Stimmenruf aus dem Starren ihn weckt;
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Schon sind verronnen die Stunden.
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Die Richter treten in das Gemach
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Und forschen nach Sitte des Bahrrechts nach,
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Ob Blut entquollen den Wunden.
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Sie rufen: »Glückauf! Kein Tropfen floß!
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Glückauf, Graf Otto, besteigt Eur Roß;
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In Frieden kehrt heim nach Windeckschloß!
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Unschuldig seid Ihr befunden.«

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Wohl hört der Verklagte der Richter Wort;
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Stumm aber liegt er fort und fort
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Zu des schweigenden Klägers Füßen;
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Glückwünschend strömen die Diener herbei:
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»was zögert Ihr, Herr? Ihr seid nun frei!«
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Doch achtet er nicht ihr Grüßen.
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Auf springt er und ruft, aus dem Brüten erwacht:
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»ich habe den Oheim umgebracht
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Und heische das eine: noch diese Nacht
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Die Strafe des Mordes zu büßen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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