Wer bist du, wunderbarer Greis? Es regt

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Adolf Friedrich von Schack: Wer bist du, wunderbarer Greis? Es regt Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Wer bist du, wunderbarer Greis? Es regt
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Sich rastlos, wie das Laub, vom Wind bewegt,
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Im Sturme des Gedankens deine Lippe!
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Du scheinst kein Sterblicher von unsrer Art;
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Vom Kinn zur Erde fließt dein weißer Bart,
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So wie der Bergstrom von bemooster Klippe.

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Von Runzeln ist die Stirn dir tief gefurcht;
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Auf deinem Antlitz scheint – ich seh's mit Furcht –
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Der Schatte von Jahrtausenden zu liegen;
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Die greise Erde dünkt mich minder alt;
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Wie Wetterleuchten durch Gewölke, wallt
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Ein ruheloser Geist in deinen Zügen.

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Bist einer du – denn alte Kunden gehn,
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Man habe solche hie und da gesehn –
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Von jenen, die schon vor der Sündflut waren?
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Bist von den Brüdern du aus Ephesus,
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Die in der Höhle felsigem Verschluß
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Den Schlaf verträumt von siebenhundert Jahren?

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»du fragst, o Fremdling, und mein Mund bekennt!
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Von dem, was ihr auf Erden Jahre nennt,
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Sah ich kaum dreißig mir vorüberschweben;
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Doch wenn du jenen düstern Abgrund meinst,
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In dem das Jetzt verschwindet und das Einst,
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So lebt' ich hundert Menschenleben.

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Was, blöde Thoren, redet ihr von Zeit,
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Von Zukunft was und von Vergangenheit?
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Ich sah das Eine, Ew'ge, Riesengroße!
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In ihm verwehn Jahrtausende wie Rauch,
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Und wieder trägt ein Augenblick, ein Hauch,
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Die ganze Ewigkeit im Schoße.

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»noviz im Kloster ward ich vor nicht lang;
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Ich strebte brünstig und mit heißen Drang
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Nach jenem Glauben, den wir haben sollen;
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Doch oft von Zweifeln ward mein Geist versucht
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Und irrte, wie ein Strom in finstrer Schlucht,
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Im Labyrinth des Wundervollen.

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Einst beteten die Mönche nachts im Chor.
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Ich kniete beim Altare; an mein Ohr
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Schlug ihr Gesang so wie mit Geisterschwinge;
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Es war der Psalm, der von der Ewigkeit
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Und ihren Wundern spricht – wie vor der Zeit
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Sie war, und wie sie alle Zeit verschlinge.

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Dies Unermeßliche, dies ew'ge Eins –
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So dacht' ich, und die Tiefe meines Seins
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Erzitterte den wogenden Gedanken –
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Es kann nicht sein! Ein Thor, wer solches glaubt!
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Der Zweifel lag wie Nacht auf meinem Haupt,
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Und unter mir den Boden fühlt' ich wanken.

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Da scholl die Glocke eins herab vom Turm;
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Es brauste durch die Wölbung wie ein Sturm,
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Und einen Engel sah ich niedersteigen;
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Vom Glanz, der ihm entfloß, ward ich wie blind:
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›du zweifelst?‹ – sprach er – ›Komm denn, Erdenkind,
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Und was noch keiner sah, will ich dir zeigen!‹

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Ich bebte scheu zurück, doch wundersam,
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Als in die Hand er meine Rechte nahm,
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Ward ich vom Wirbelwind hinweggerissen;
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Das Kloster schwand, die Erde schwand zurück;
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Nur schwach noch glomm sie meinem zagen Blick,
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Ein Lämpchen, aus den Aetherfinsternissen.

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Und wie mich, schneller als Gedankenflug,
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Der Gottesbote durch den Himmel trug,
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Sah ich sich die Unendlichkeit verbreiten,
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Sah Firmament gereiht an Firmament,
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Und jene Lichter, die ihr Sterne nennt,
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So groß wie Welten mir vorübergleiten.

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Es flatterte das unheure All
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An mir vorbei mit Sonnenball an Ball
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Und goß – so tanzen auf des Stromes Wogen,
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Der in den Abgrund rollt, die Perlen Schaums –
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Hinunter in den Schlund des ew'gen Raums
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Die Sternennebel und die Himmelsbogen.

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Was, wenn zu Trümmern längst die Erde ward,
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Erst nach Jahrtausenden des Daseins harrt,
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Trat vor mich fremd und unverstanden,
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Indes der Urzeit Riesen wunderbar
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Mit der verschollnen Welt, die sie gebar,
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Sich dem äonenalten Grab entwanden.

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O Ewigkeit! Nur stammelnd spricht mein Mund
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Von deinen Wundern! Keiner thut sie kund,
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Selbst die Erles'nen nicht und die Propheten!
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Im Staube und verhüllt bet' ich dich an,
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Und was die Zunge ferner sagen kann,
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Verstumme auf der Lippe zu Gebeten!

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Du aber wisse, Freund, und dann genug!
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Ertragen hab' ich, was kein Geist ertrug,
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Nicht Ahasver noch die Sibylle;
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Der Schöpfung erstes Aufblühn und Vergehn,
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Das ungeborne Einst hab' ich gesehn
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Und in dem Jetzt der Zeiten ganze Fülle.

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Und als ich Myriaden so geschaut
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Von Menschenaltern – nein, mir fehlt der Laut
93
Für das, was jener Augenblick verschlungen –
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Da kniet' ich am Altare wie zuvor;
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Noch schlug der Psalm der Mönche an mein Ohr,
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Noch war der Schlag der Glocke nicht verklungen.

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Zernichtet sank ich nieder, lauten Schreis;
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Die Brüder nahten sich: ›Wer ist der Greis?
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Für seine Ruhe betet aus dem Psalter!
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Wohl hundert Winter bleichten ihm das Haar!‹
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Sie ahnten nicht, daß der Noviz ich war
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Und so im Nu verwelkt zum Greisenalter.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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