Normannenvermächtnis

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Adolf Friedrich von Schack: Normannenvermächtnis (1854)

1
Der König winkt – es reihen im Kreis,
2
Die Knechte sich ehrfurchtsvoll;
3
Sie tragen hinweg auf der Sänfte den Greis,
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Den Strand ihn entlang, wo um Klippen von Eis
5
Erdröhnt der Wogen Geroll.

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Ihm folgte von hundert Rossen ein Zug,
7
Der Krone, Scepter und Thron
8
Und die Schätze, die er erbeutet, trug;
9
Beim Vater ging und zur Erde schlug
10
Voll Trauer die Augen der Sohn.

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Und als sie kamen zum tosenden Fjord,
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Wo geankert das Heerschiff lag
13
Und die Wellen hoch aufpeitschte der Nord,
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Neu winkte der König: »Das ist der Ort,
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Und heute ist es der Tag.

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Alt ward ich; die Sehnen sind mir erschlafft;
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Der Knochen Mark ist verdorrt;
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Nicht kann ich mehr schaffen, wie sonst ich geschafft;
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Nicht blitzt, geschleudert mit alter Kraft,
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Mein Beil in der Schlacht hinfort.

21
Und sollt' ich nun, statt zu schlürfen den Hauch
22
Der eisigen Meeresluft,
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Im dumpfen Gemach ersticken am Rauch?
24
Auf dem Holzstoß lieber nach Nordmannsbrauch
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Erwähl' ich die lodernde Gruft.

26
Mit mir verzehre die Flammenglut
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All meine Habe zugleich!
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Mein Rolf, nicht lass' ich dir Thron noch Gut,
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Dir nur meinen Ruhm und die schäumende Flut;
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Sie sei dein Königreich!

31
Nichts fruchtet dem Sohn ein Schatz, am Herd
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Von Vater und Ahnen ererbt;
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Für den Thron nur, den er erkämpft mit dem Schwert,
34
Nur für
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Den in Feindesblut er gefärbt.

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Dein Reich ist weit, ist weit wie die Welt;
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Schau hin! Was wählst du, mein Rolf?
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Das Klippengestad', wo das Kriegshorn gellt
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Und der Nordschein flammend die Wogen erhellt?
40
Im Süden den blauenden Golf?

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Dort leuchten goldene Früchte am Strand
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Und Schlösser aus Gärten hervor;
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Nur gewagt! und der lieblichen Herrin Hand,
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Du wirst sie gewinnen mit Schloß und Land,
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Wenn du schreitest als Sieger durchs Thor.

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Einst stritt auch ich dort im Kampfgewühl,
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Mir trieften die Locken von Blut;
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Doch die Nacht dann hab' ich auf duftendem Pfühl
49
Im Myrtenhaine bei Saitenspiel
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An weichem Busen geruht.

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Genug, genug! so lange das her!
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Laß lichten die Anker, mein Sohn!
53
Dir winkt das Leben auf brausendem Meer,
54
Und mir – wer sagt, das Sterben sei schwer? –
55
Laßt, Knechte, den Holzstoß lohn!«

56
Der König ruft es; zu lodern beginnt
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Der mächtige Scheiterstoß;
58
Er stürzt in die Flammen: »Leb wohl, mein Kind!«
59
Und Rolf, die Segel breitend im Wind,
60
Schifft fort durch das Wellengetos.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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