Die seligen Inseln

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Adolf Friedrich von Schack: Die seligen Inseln (1854)

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Wild war von der Parteien Hader
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Das weite Römerreich entbrannt;
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Fort trugen Heere, Schiffsgeschwader
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Den Bürgerkrieg von Land zu Land;
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Vergebens in Iberien suchte
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Vor all dem Unheil, dem er fluchte,
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Sertorius einen Zufluchtsort;
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Schon nahten durch des Ostens Meere
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Toddrohend ihm Pompejus' Heere,
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Und um ihn lauerte der Mord.

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Einst am bemoosten Felsenhange,
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An dem die Flut sich schäumend brach,
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Saß er und sah dem Untergange
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Der glüh'nden Sonne träumend nach.
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Da siehe! plötzlich vor ihm standen
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In leichten flatternden Gewanden
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Zwei junge Schiffer, fremd von Tracht,
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Und: »Niemals sah ich euresgleichen« –
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Rief er erstaunt – »aus welchen Reichen,
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Von welchen Küsten bringt ihr Fracht?«

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Sodann die zwei: »O Herr, wir schifften
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Von weitentlegnen Inseln her;
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Grün sind dort immerdar die Triften,
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Von Früchten stets die Aeste schwer;
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Wenn ringsumher die Stürme wüten,
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Dort schüttelt von den duft'gen Blüten
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Ein sanfter Westwind kaum den Tau,
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Und über grünen Laubenhallen,
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Voll von Gesang der Nachtigallen,
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Lacht immer klar des Himmels Blau.

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Froh atmen dort die Atlantiden,
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Wie in der alten goldnen Zeit;
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Nie drang in ihren tiefen Frieden
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Ein Ton von euerm Zwist und Streit;
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Ihr Leben ist ein süßes Träumen
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Auf Felshöhn bei der Meerflut Schäumen
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Und in der Grotten Dämmerlicht,
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Indessen in dem Wogenschlage
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Sich fernehin der Erde Klage
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Verhallend an den Klippen bricht.«

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Sertorius ruft bei ihrer Rede:
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»o Inseln, wer doch sorgenfrei
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Auf euch der ew'gen Bürgerfehde
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Entflöhe und der Tyrannei!
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Ich, den selbst hier jenseits von Calpe,
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Ja auf Helvetiens höchster Alpe
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Der rauhe Mars nicht ruhen läßt:
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Wär' es der hohen Götter Wille,
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Auf euch in Frieden und in Stille
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Verlebt' ich meiner Tage Rest.«

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Drauf sie: »An des August Kalenden,
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So that uns ein Orakel kund,
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Läßt glücklich sich die Fahrt vollenden,
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Vertraue denn dem Göttermund!
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An jenem Tag, wenn aus den Wogen
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Der Vollmond steigt am Himmelsbogen,
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Verlaß auf unserm Boot dies Land,
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Und, was dein Wunsch, wird dir beschieden;
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Wir führen zum ersehnten Frieden
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Dich an der sel'gen Inseln Strand.«

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Die Schiffer so, indem sie scheiden;
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Und, ohne daß es wer gewahrt,
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Bereitet nach dem Wort der beiden
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Sertorius sich für die Fahrt.
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Sofort die Küste der Iberer
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Verließ' er gern, da schwer und schwerer
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Schon über ihm das Wetter grollt;
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Verrat bedroht ihn allerorten,
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Und selbst in seines Heers Kohorten
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Wirbt Mörder des Pompejus Gold.

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Drauf an des Monats erstem Tage
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War er im festgeschmückten Zelt
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Mit den Genossen beim Gelage
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Voll Frohsinn einmal noch gesellt.
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Reich quoll aus prächtigen Amphoren
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Der Wein, den Spaniens Glut gegoren,
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Und keiner ahnte den Entschluß;
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Doch, als der Abend niedertaute,
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Ward einer, dem er ganz vertraute,
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Von ihm entsendet, Manlius.

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Hinab ans Ufer eilt der Knabe,
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Geheim den Schiffern kund zu thun,
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Bereitet für die Abfahrt habe
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Sich Spaniens Heergebieter nun.
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Allein am Strand, am Felsenhange,
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Sucht er umsonst die beiden lange;
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Die eine Antwort wird ihm nur:
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»dir träumte wohl! An unsern Küsten
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Gewahrte keiner, daß wir wüßten,
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Von solchen Schiffern eine Spur.«

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Heim dann zum Zelte kam der Bote,
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Und sieh! am Boden liegend fand
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Er den Sertorius bleich wie Tote,
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Erdolcht von der Verschwörer Hand!
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Hernieder durch der Zeltwand Spalte
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Fiel auf sein Angesicht, das kalte,
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Vom Meere her des Vollmonds Schein.
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Erfüllt war ihm der Götter Wille;
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Zu Frieden ging er und zu Stille
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An des August Kalenden ein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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