Siehst du das Weib im Kleid der Trauer

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Adolf Friedrich von Schack: Siehst du das Weib im Kleid der Trauer Titel entspricht 1. Vers(1854)

1
Siehst du das Weib im Kleid der Trauer,
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Das Tag für Tag seit Jahresdauer
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Durch Rom dahinwankt hauptverhüllt,
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Und seine Hügel all, die sieben,
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Rastlos vom Schmerz umhergetrieben,
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Mit lauter Weheklage füllt?

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Schon frühe mußte sie den Gatten
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In seiner Väter Gruft bestatten;
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Die Kunde ward ihr dann gebracht,
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Daß er, den sie geliebt vor allen,
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Ihr Sohn, ihr Lentulus, gefallen
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In Cannäs mörderischer Schlacht.

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Und als ihr kam der Trauerbote,
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Da, selber bleich wie eine Tote,
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Rief sie am Herd die Götter an:
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»laßt mich, ihr Lenker der Geschicke,
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Allein auf Erden nicht zurücke!
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Erlöst mich von des Lebens Bann!«

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Zwölf Monde sind seitdem geschwunden;
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Sie hat den Tod zu allen Stunden
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Als einz'gen Retter sich erfleht;
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Sie trat durch jede Tempelpforte
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Und stammelte dieselben Worte,
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Doch unerhört blieb ihr Gebet.

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Und, Asche auf das Haupt sich streuend,
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Irrt sie, den Wehruf stets erneuend,
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Vom Quirinal zum Palatin:
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»das einz'ge war er, was ich hatte;
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Mehr noch, als da mir starb der Gatte,
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Verwitwet bin ich nun durch ihn.

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Wen soll ich an die Brust nun pressen?
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Auf wessen Lippen, ach, auf wessen
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Drück' ich den warmen Mutterkuß?
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Wer wird mich jetzt im Alter stützen,
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Wer plaudernd mir zur Seite sitzen,
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Seitdem dahin mein Lentulus?

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Ach, hold und schön, mit achtzehn Jahren
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Durch Schwerter blutiger Barbaren
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Fiel er dem grimmen Mars zum Raub,
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Und fern dem Sitz der hohen Ahnen
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Umschweifen ruhlos nun die Manen
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Des Jünglings windverwehten Staub.

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Mich aber hält, daß von der Erde
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Ich nicht hinweggenommen werde,
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Der strengen Götter Machtgebot;
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Nichts rettet mich vom Leid, dem herben;
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In Jammer muß ich ewig sterben,
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Und ewig flieht mich doch der Tod!«

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So klagt sie laut; da plötzlich schreitet,
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Vom Jubelruf des Volks begleitet,
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Im Erzgewand mit hurt'gem Fuß
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Ein junger Krieger durchs Gedränge;
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»sieh da!« – so ruft es aus der Menge –
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»metella, sieh! dein Lentulus!«

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Und sprachlos, ohne sich zu regen,
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Starrt sie dem Kommenden entgegen,
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An ihren Busen sinkt der Sohn;
58
»o Mutter, Mutter! lang im Lager
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Hielt mich gefangen der Karthager;
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Den Göttern Dank, ich bin entflohn!«

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Doch sie bleibt stumm; umklammert hält sie
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Den Teuren, dann zu Boden fällt sie,
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Und durch die Menge raunt es sacht:
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»für immer hat sie ausgerungen!
65
Was nicht dem langen Gram gelungen,
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Das hat die Freude schnell vollbracht.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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