Die Athener in Syrakus

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Adolf Friedrich von Schack: Die Athener in Syrakus (1854)

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Frühmorgens auf seinem Söller saß
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Klearch mit dem Sohne Gorgias;
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Vor ihm, gedehnt an des Hügels Fuß,
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Das unermeßliche Syrakus
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Mit Tempeln und Hallen und Thermen,
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Und drüber hinweg des Aetna Schnee
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Und das hochgezinnte Epipolä
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Und der Häfen tobendes Lärmen.

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»du weißt, Sohn, was ich dem Ares versprach,
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Als er die Macht der Athener zerbrach!
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Eh Boreas noch, der eisige, tobt,
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Muß ich, so wie ich im Kampfe gelobt,
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Im Tempel das Opfer ihm zünden.
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Geh, ruf mir den Meister des Bau's herbei!
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Ob nun vollendet das Prachtthor sei
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Und der Giebel, soll er mir künden.

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Doch sieh! dort naht er. – Du hörtest, ich will
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Vor Winter den Tempel noch weihen, Thrasyll.
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Schon werden die Blätter herbstlich welk;
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Sag an denn: Ruht bereits das Gebälk
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Auf den marmornen Architraven?
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Wo nicht, so brauche die Geißel zum Schlag
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Und zwinge zur Arbeit Nacht wie Tag
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Die weichlichen attischen Sklaven!«

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Thrasyll darauf: »Wenn, wie du verlangt,
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Noch in Vollendung der Bau nicht prangt,
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Bezähme, Gebieter, die Ungeduld!
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Ein Chor des Euripides trägt die Schuld;
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Sobald die Athener ihn singen,
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Wird jeder der anderen Sklaven verlockt,
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Dem Klange zu lauschen; die Arbeit stockt,
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Nicht kann ich sie ferner erzwingen.«

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Klearch vernimmt's und erblaßt vor Wut.
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»mir, Vater, vertraue der Sklaven Hut,«
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Ruft Gorgias da, »ich sei ihr Vogt!
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Eh winterlich stürmend die See noch wogt,
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Den Tempel sie lass' ich vollenden!
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Fand doch durch dieser Athener Speer
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Mein Bruder den Tod; das büßen sie schwer,
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Wenn die Geißel mir zuckt in den Händen!«

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Den Jüngling, der hoch von Zornglut flammt,
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Entsendet Klearch zu dem neuen Amt.
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Und Tage verstreichen; im langen Zug
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Geht schon nach Süden der Kraniche Flug,
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Der Herbst hat die Haine gelichtet;
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Da folgt der Vater dem Sohn, und bald
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Ragt vor ihm der Hügel voll Pinienwald,
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Auf dem er den Tempel errichtet.

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Fast glaubt er, daß ihn das Auge trügt;
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Kaum sind bis zum Dache die Quadern gefügt!
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Er sieht, und im Herzen schwillt ihm der Groll,
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Die attischen Sklaven trauervoll
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In Reihen am Boden sitzend,
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Und neben ihnen, o Spott und Hohn,
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Verhüllten Gesichtes den eigenen Sohn,
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Das Haupt mit dem Arme stützend.

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Die Geißel erhob Klearch zum Schlag,
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Die hingesunken am Boden lag:
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»was? Mitleid mit der verruchten Brut?
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Auf, Hunde! Träg nicht länger geruht!
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Sonst fort in die Steinbruchgruben!«
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Da rafften die Sklaven sich mühsam empor,
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Begannen die Arbeit und sangen im Chor,
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Indes sie die Quadern huben:

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»ihr, die uns erzogen, heimische Aun,
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Die mild des Ilyssus Wellen betaun,
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Wo im säuselnden Hauch lind atmender Luft
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Die Pinie rauscht an der Felsenkluft
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Und Bienen um Blüten summen!
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Ihr Haine, wo stets lau fächelnd der West
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Die Purpurgranate reifen läßt
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Und nie in dem grünenden dunklen Geäst
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Die Nachtigallen verstummen!

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Glückselige Flur des geliebten Athen,
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So sollen wir nie dich wiedersehn?
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Nie sehn, wie die hehre Akropolis
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Und Tempel und Hallen am schönen Kephiß
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Im Morgenglanze sich röten,
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Indessen, die Stirnen grün umzweigt,
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Der Zug der Opfernden aufwärts steigt
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Und Luft und Himmel und Erde schweigt
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Beim Klange der heiligen Flöten?«

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Schon war dem Klearch, der horchend stand,
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Die Geißel mählich entglitten der Hand;
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Da sangen sie weiter: »So sollen wir nie
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Bei den Götterbildern der Akademie
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Den Lehren der Weisen lauschen,
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Und nie, gestreckt auf die Marmorbank,
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Mehr schlürfen der Dichtung göttlichen Trank,
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Wo sprudelnde Quellen durch Epheugerank
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Aus der Grotte der Nymphen rauschen?

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Hier schmachten wir fern von Weib und Kind,
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Ach! ferne von allen, die teuer uns sind!
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Die Geißel tönt, und die Kette klirrt,
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Und wenn uns Jammer den Geist verwirrt,
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Uns zu trösten haben wir keinen!
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Verwehn wird unseren Staub die Luft,
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Und keine geliebte Hand auf die Gruft
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Uns Kränze legen von süßem Duft,
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Kein Auge über ihr weinen.«

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Das Lied verhallte; sein Antlitz barg
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Lang in des Gewandes Falten Klearch;
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Dann trat er hin in der Sklaven Kreis;
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Vom Auge quollen ihm Thränen heiß;
105
Haß war ihm und Grimm geschwunden.
106
Er rief: »Kehrt heim in eu'r schönes Athen
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Und grüßt mir den Dichter beim Wiedersehn!
108
In seinem Liede hab' ich ein Wehn
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Vom Hauche der Götter empfunden!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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