Evadne

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Adolf Friedrich von Schack: Evadne (1854)

1
Evadne trauert im öden Haus,
2
Seit Kampflust ihren Verlobten hinaus
3
Ins Feld vor Theben getrieben;
4
Da naht ihr ein Bote: »O Herrin, vernimm,
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Und zürne mir nicht, wenn die Botschaft schlimm!
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Der Götter Grimm
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Ruht schwer auf dem Heere der Sieben!

8
Herab von den Thoren von Teben flog
9
Geschoß auf Geschoß auf das Kriegergewog;
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Rings türmten sich Haufen Toter;
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Da klomm dein Kapaneus, allen zuvor,
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Inmitten des Kampfs am Elektrathor
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Zur Mauer empor,
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Nicht achtend die Wut der Böoter.

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Und hoch auf der Zinne, von Speeren umsaust,
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Rief er und ballte nach oben die Faust:
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›all deine Gewölke türme,
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Ja all deine Flammen herniedergeuß,
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Doch wirst du nicht hindern den Kapaneus,
20
Ohnmächtiger Zeus,
21
Daß er dies Theben erstürme!‹

22
Er rief es, und schon aus den Wolken scholl,
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Den Himmel durchhallend, Donnergeroll;
24
Herab auf das Haupt des Stolzen
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Fuhr lohend Kronions Wetterstrahl;
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Er taumelte rückwärts leichenfahl,
27
Sein Panzerstahl,
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Sein Helm und sein Schild zerschmolzen.«

29
Evadne vernimmt's: sie verhaucht kein Ach;
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Stumm liegt sie am Boden im Trauergemach,
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Umringt von den sorgenden Frauen.
32
Von Theben nahte der Trauerzug,
33
Der den blitzerschlagenen Helden trug;
34
Sie aber schlug
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Das Auge nicht auf, ihn zu schauen.

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Die Ihren flüstern: »Weil sie nicht klagt,
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Weil stumm ihr der Jammer am Herzen nagt,
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Verkündet Böses ihr Brüten.
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Damit sie nicht rasche That verübt
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Und dem zu folgen, den sie geliebt,
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Den Tod sich giebt,
42
Laßt uns sie achtsam behüten!«

43
Im Hof wird Kapaneus aufgebahrt;
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Doch sie, als hätte sie nichts gewahrt,
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Liegt selbst für tot im Gemache.
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Da plötzlich am Morgen erwacht sie und spricht:
47
»o Mutter, mein Haupt mit dem Kranz umflicht!
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Mir ward ein Gesicht,
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Aus dem ich in Freuden erwache.

50
Vernimm! In der Rechten den Thyrsusstab,
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Stieg Bacchus in meinen Traum herab,
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Von himmlischem Glanz umflossen;
53
Sein dunkles Antlitz leuchtete hold;
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Der rebenbekränzten Locken Gold
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War niedergerollt
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Um den schwellenden Nacken ergossen.«

57
»schon,« sprach er, »reift in den Trauben der Saft;
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Was zögerst du? Auf! Dich emporgerafft!
59
Denn dich zur Dienerin will ich!
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Die Stirn umschling mit dem Epheukranz,
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Führ an die Mänaden bei Fackelglanz
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Zum bacchischen Tanz,
63
Und alle Leiden dir still' ich!«

64
So kündet Evadne des Gottes Geheiß
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Und eilt von dannen; der Weiber Kreis
66
In freudigem Staunen umringt sie;
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Die Stirn bekränzt sie mit Epheu schnell;
68
In der Rechten flammt ihr die Fackel hell,
69
Und der Hindin Fell
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Um die blendenden Schultern schlingt sie.

71
»evadne!« rufen die Ihren, »Kind!
72
Was bist du so bleich?« – Sie aber beginnt
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Die eherne Zimbel zu schlagen,
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Und »Evoë,« ruft sie, »Evoë!
75
Heil göttlicher Sohn der Semele,
76
Der du stillst das Weh
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Und in Jubel wandelst die Klagen!«

78
Bald faßt der Taumel die ganze Schar;
79
Sie geben dem Winde das flatternde Haar,
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Durchflochten mit Rebenzweigen;
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Den Thyrsus schwingend, durch Schluchten und Wald
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Hinbrausen sie jauchzend; die Pauke schallt,
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Und ringsum hallt
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Die Flur von dem wirbelnden Reigen.

85
»heil Bacchus! Den trauernden Sterblichen gab
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Er den Saft der Traube, das duftende Grab,
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Darin sie den Kummer versenken;
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Er sprengt beim kränzeprangenden Mahl
89
Den Schlummer auf sie aus goldnem Pokal,
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Damit sie der Qual
91
Des Tages nicht länger gedenken!«

92
So schallt der Chor; schon dunkelt die Nacht;
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Der Schein der Fackeln wird heller entfacht;
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Doch wo ist Evadne geblieben? –
95
Lang ist sie verstummt bei dem Jubelgesang;
96
Sie floh hinweg von dem Zimbelklang,
97
Die Schluchten entlang
98
Vom Jammer des Herzens getrieben.

99
In den Hofraum schleicht sie verstohlen ein;
100
Nun hindert sie keiner, nun ist sie allein
101
Beim Werk, das sie sinnet und dichtet;
102
Sie schmückt den Toten mit weißem Gewand,
103
Bekränzt und salbt ihn mit eigener Hand,
104
Und bald zum Brand
105
Den Holzstoß hat sie geschichtet.

106
»ihr wolltet mich hüten – nun bin ich frei!
107
Zu scheiden, die sich geliebt, die zwei,
108
Wähnt nicht, es werd' euch gelingen!
109
Du, dessen Blitz mir den Teuern geraubt,
110
Ohnmächtiger Donnerer, hast du geglaubt,
111
Ich würde das Haupt
112
Dir beugen und Opfer dir bringen?

113
Such andere, Zeus, die vor dir knien!
114
Nicht weiß ich von dir; ich kenne nur ihn,
115
Den du mir tückisch erschlagen.
116
Schon hält die bräutliche Kammer der Tod
117
Uns beiden bereit; in der Flamme, die rot
118
Gen Himmel loht,
119
Wird der Hochzeitsmorgen uns tagen.«

120
Sie zündet den Scheiterhaufen und preßt
121
Den Mund auf die Stirn des Geliebten fest;
122
Auf steigen mählich die Flammen;
123
Fernher ertönt aus Schlucht und aus Hain
124
Der Mänaden Gesang gleich bräutlichem Reihn,
125
Und über den zwein
126
Schlägt lodernd die Glut zusammen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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