Stesichoros

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Adolf Friedrich von Schack: Stesichoros (1854)

1
Die Tafel steht geschmückt zum Mahle,
2
Mit Laub ist der Pokal bekränzt
3
Und funkelt zu dem Fackelstrahle,
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Der von den Wänden niederglänzt;
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Doch leer von Gästen bleibt die Halle
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Des alternden Stesichoros,
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Durch die sich einst bei Flötenschalle
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Der Festgenossen Schwarm ergoß.

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Und trauernd spricht der greise Sänger:
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»so bin ich wieder nun allein;
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Als wär' ich nicht der Ihre länger,
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Fliehn mich der Menschen frohe Reihn;
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Nicht einer blieb mir der Gefährten
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Zum festlichen Symposion,
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Und mit den Frommen, die sie ehrten,
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Sind auch die Himmlischen entflohn.

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O Wonne, wenn die Thyrsusstäbe
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Wir jubelnd schwangen himmelan,
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Und in das goldne Naß der Rebe
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Die Thräne der Begeistrung rann;
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Wenn in den Arm ich dann die Leier,
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Die heil'ge, nahm und weihevoll
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Der Hymnus zu der Götter Feier,
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Zum Lobe der Heroen scholl!

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Das alles schwand; zurückgeblieben
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Bin ich in einer fremden Welt;
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Was sie mißachtet, muß ich lieben,
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Und hassen das, was ihr gefällt;
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Den Alten fassen nicht die Jungen,
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Vergebens war's, daß ich gestrebt,
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Und meine Lieder sind verklungen,
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Als hätt' ich nimmerdar gelebt.«

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Er spricht es; auf des Sessels Lehne
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Ist trauervoll sein Haupt gesenkt;
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An seiner Wimper bebt die Thräne,
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Indes er alter Zeiten denkt.
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Da sieh was schimmert durch die Aeste
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Vor seiner Halle silberweiß?
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Wer sind die ungewohnten Gäste?
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Wer naht dem weltverlass'nen Greis?

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Ein Jüngling ist's im Festtalare,
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Ums Haupt den priesterlichen Kranz;
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Die Stirn ihm und die Lockenhaare
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Umwallt ein wunderbarer Glanz;
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In Händen goldne Opferschalen,
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Folgt schüchtern ihm ein Jungfraunchor;
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Taghell beginnt die Nacht zu strahlen,
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Wie sie hereinziehn durch das Thor.

49
Der Jüngling spricht: »Zur Tempelweihe
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Nach Enna führt uns unser Amt;
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Es dunkelt tief; drum, Freund, verleihe
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Uns Obdach, bis der Morgen flammt!
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Nicht fremd uns bist du; am Altare
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Nur deine Lieder singen wir;
55
Für die Geschlechter künft'ger Jahre
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Bewahren wir getreu sie dir.«

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Die Gäste grüßte froh der Alte,
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Sie nahmen Platz an seinem Mahl;
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Aus reich gefüllten Bechern wallte
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Der Duft ambrosisch durch den Saal;
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Er aber goß die Opferspende:
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»ihr Himmlischen, nehmt dies zum Dank!
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Noch einmal nun wird vor dem Ende
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Das alte Herz mir froh beim Trank.«

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Horch! festlich zu der Jungfraun Liede
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Ertönt des Jünglings Leierton,
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Wie droben wohl, wenn der Kronide
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Dem Hymnus lauscht auf goldnem Thron
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Und neben ihm, der Hand entsunken,
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Sein Donnerkeil am Boden liegt,
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Indes sein Adler, schlummertrunken,
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Beim Klang sich auf dem Scepter wiegt.

73
»nimmst du vom Auge mir die Binde,
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O schöner Gott, der mich gepflegt
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Und auf die Lippen schon dem Kinde
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Der Dichtung Honigseim gelegt?
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Seid ihr es, deren Odem leise
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Mich oft umsäuselt im Gedicht,
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Ihr heil'gen Neun? Zeigt ihr dem Greise
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Eu'r hoch olympisch Angesicht?«

81
Der Dichter ruft es; mächt'ger schlagen
82
Die Wogen des Gesangs um ihn;
83
Doch Götterwonnen lang zu tragen
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Ist nicht dem Sterblichen verliehn;
85
Mildschattend auf die Augen nieder
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Senkt sich ihm Schlummerwolkennacht;
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Gemach verhallt der Klang der Lieder;
88
Doch nimmer ist er mehr erwacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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