Die Tempel von Theben

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Adolf Friedrich von Schack: Die Tempel von Theben (1854)

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Rötere Strahlen gießt die Sonne
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Auf den leise flutenden Nil;
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Hochauf mir zu Häupten flammt
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Des Amenophis Koloß,
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Fernher schon in der bleichen Wüste
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Von den Karawanen erblickt,
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Wenn von des innersten Meroë Palmenoasen
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Sie nordwärts ziehen;
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Im scheidenden Lichte glänzen
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An des heiligen Stromes Ufern
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Die Trümmer einer zerbrochenen Riesenwelt,
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Hallen und Pfeiler, ins Unermess'ne gedehnt,
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Gestürzte Titanenbilder,
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Halb im wogenden Sande begraben.

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Erstgeborne der Städte,
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Hundertthoriges Theben!
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Wie schwand das jubelnde Gedränge,
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Das deine Säulenstraßen durchwogte,
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Wenn, heimkehrend im Siegeszuge,
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Sesostris bezwungene Völker,
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Sei es vom eisigen Oxus,
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Sei's vom Lande der schwarzen Aethiopen,
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Vor dem goldenen Sichelwagen dahintrieb?
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Nie mehr haucht dein Memnon
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Der nebelgebornen Aurora
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Klangvoll entgegen den Morgengruß!
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Deine Tempel, statt von lotosbekränzter Jungfraun
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Festlichen Chören,
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Nun von Schlangen der Wüste besucht!
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Unwandelbar nur seit der Zeiten Beginn
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Schaun Libyens Felsengebirge
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Hinab auf die Trümmer von Reichen,
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Die sie werden und fallen gesehn.

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Wag' ich den Gang
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Durch die Reihen verwitterter Sphinxe,
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Die, noch in die alte Traumnacht versunken,
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Zu Seiten des Weges brüten?
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Wie ins Unendliche zieht sich der Pfad
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Vorbei an verschollener Königsgeschlechter
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Palmenumrauschten Gräbern,
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An Mauern und Säulengängen,
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Wo jahrtausendelang
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Schon flutendes Leben gewogt,
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Bevor noch zu Kolchis' Fabelstrande
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Die Argonauten gesteuert.

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Im bleichen Scheine des Mondes,
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Der über Arabiens Hügeln steigt,
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Himmelan ragt vor mir das Thor
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Von Karnaks Tempelpalast.
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Auf thun sich die Hallen,
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Mauern auf Mauern wie Felsen getürmt,
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Säulen, gleich blitzzerschmetterten Giganten
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Häuptlings gestürzt, im Todeskrampf
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Aneinander sich klammernd,
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Spalten und Risse und Höhlen,
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Als ob sie der Erdstoß in Felsen gesprengt!

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Weiter nun, weiter,
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Mit den gleitenden Schatten der Nacht
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Von Halle zu Halle, von Saal zu Saal,
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Wo an Wänden und Obelisken
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In stummer Sprache Hieroglyphen
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Von den Wundern der Vorzeit stammeln
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Und Riesengestalten aus den Nischen
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Wie vom Anfang der Zeiten herniederschaun!

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Du dort im mystischen Dunkel
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Zwischen steinernen Tafeln und Himmelskugeln,
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Mächtige Göttin,
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Die seit dem grauenden Morgen der Welt
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Unter dem nie gelüfteten Schleier
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Gedanken der Ewigkeit sinnt:
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Löse die bangen Zweifel mir!
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Ueber der Erde weiten Totenacker
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Bin ich gewandert;
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Vom Auf- zum Niedergang versank mir der Fuß
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In der Asche zerstörten Lebens,
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Wirbelte der Völker Staub
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Unter meinem Tritt.
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Werke von Uebermenschen
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Fand ich wie Kinderspielwerk zerbrochen,
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Reiche und Religionen
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Bis auf den Namen verschollen.
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Und ist in dem ew'gen Vergehn und Werden
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Denn nirgend ein Halt?
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All der Myriaden Menschen Geschick,
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Die über die Erde geschritten,
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Ist es, ein Irrlichttanz,
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Im großen Dunkel erloschen,
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Und taumelt Geschlecht auf Geschlecht
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Der Vernichtung entgegen,
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Daß
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Bis Vegessenheit alles verschlingt?
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O in die öde Nacht des Gedankens
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Laß einen Lichtstrahl gleiten,
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Daß in der Verzweiflung finstern Abgrund
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Nicht die zagende Seele versinke!

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Stille ringsum, nur vom Knistern
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Der zerbröckelnden Trümmer unterbrochen.
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Schweigend hat die Göttin den Schleier
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Um ihre Träume gebreitet;
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Fort und fort brüten die Sphinxe
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Ueber der Zeiten großes Rätsel;
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Aber droben, wo aus der weiten Unendlichkeit
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Mit leuchtenden Sternenaugen
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Die Nacht herabsieht,
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Ruht das Geheimnis
106
Ewig unenthüllt
107
Ueber allen Himmeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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