Mählich erblaßte das Licht um Salamis' zackige Klippen

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Adolf Friedrich von Schack: Mählich erblaßte das Licht um Salamis' zackige Klippen Titel entspricht 1. Vers(1854)

1
Mählich erblaßte das Licht um Salamis' zackige Klippen,
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Während die Sonne versank in das Aegäische Meer;
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Hell nur leuchtete noch der honigberühmte Hymettus
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Und die Cekropische Burg hoch auf dem Felsengestein.
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Um mich lagen verwirrt zerbröckelnde Tempelgesimse,
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Säulen von dorischer Pracht, Trümmer auf Trümmer gehäuft.
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Kaum zu erkennen vermochte der Blick in dem Schutte die Stufen,
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Drauf das Athenische Volk Haupt sich zum Haupte gedrängt,
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Wenn das Theater dem Donner von Aeschylus' Worten erdröhnte,
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Wenn es wie Weihrauchduft Sophokles' Odem durchzog.
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O wie sind sie verklungen, die herrlichen Chöre der Meister!
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O wie liegst du gestürzt, heiligster Tempel der Kunst!
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Wo sich die Thymele hob, nicht weiß ich die Stätte; es haben
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Zwei Jahrtausende Staub auf die Orchestra gehäuft. –
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Während ich saß und das Auge bethränt auf den Trümmern mir ruhte,
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Schweifte die Seele zurück in Perikleische Zeit.
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Wechselnd schwebten vor mir die erhabnen Gestalten der Dichter,
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Welche zu Thränen wie Lust hier die Athener bewegt;
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Bald in unsterblichem Weh den titanischen Dulder mir malt' ich
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Ueber dem Weltabgrund ringend am Scythischen Fels,
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Bald den thebäischen König, wie blind er am Arme der Tochter,
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Thronlos, heimatlos Länder und Städte durchirrt.
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Also sann ich und preßte die Stirn auf verwitterten Marmor;
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Einzig die Seele noch sah, aber das Auge nicht mehr.
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Horch, auf einmal, da was hör' ich? Ein Rauschen, dem Sturm gleich,
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Wenn er im Pinienwald Wipfel und Aeste durchsaust!
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Schnell mich raff' ich empor, und siehe! verwandelt ist alles;
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Statt der Trümmer umher ragt ein unendlicher Bau;
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Hallen und fliegende Treppen und rings in den Nischen gewahr' ich
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Bilder, wie Phidias sie parischem Marmor entlockt.
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Aufwärts steigen zu Seiten mir Sitzreihn, Stufen an Stufen,
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Tausende drängen sich drauf in der hellenischen Tracht;
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Weihrauch quillt vom Altar, im Festschmuck leuchtet die Scene,
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Und zu dem Chorlied schallt lieblich der Flöten Getön.
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Schweigen verbreitet sich rings; fast hör' ich das Atmen der Menge;
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Grauen der Dämmerung sinkt über die Bühne dahin.
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Langsam steigt und umhüllt von faltigen grauen Gewanden,
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Sieh! durchs stygische Thor zitternd ein Schatten herauf.
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Blutlos, bleich das Gesicht, an der Brust tiefklaffend die Wunde,
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Murmelt ein Rachegebet dumpf das ermordete Weib:
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»kinder des Abgrunds, auf! Daß nicht euch der Frevler entrinne,
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Welcher den Busen durchbohrt, der ihn als Knaben gesäugt!«
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Hohl tönt also die Stimme der Hades-Entstiegenen – grausig
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Zu der Erinnyen Ohr dringt in das Dunkel der Ruf.
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Sich in der Tiefe zu regen beginnt's; schlaftrunkenen Taumels
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Heben die Töchter der Nacht stöhnend das finstere Haupt,
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Eine die andre zu wecken; mit Grimm und wüstem Geheule,
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Geißeln in Händen, empor stürmt die entsetzliche Schar.
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»auf, ihn zu jagen, ihr Schwestern! Wohin mordtriefend er fliehn mag,
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Ueber die Länder, das Meer folgt ihm in hastigem Sprung!«
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Und, sich die Brüste zerschlagend, mit weit aufstarrenden Blicken,
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Wälzt sich in Beutebegier fort der mänadische Chor –
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Irrend, das Haupt umnachtet von Wahnsinn, naht sich indessen
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Schwankenden Schrittes Orest Attikas glücklichen Aun.
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Leuchtend im Frühlicht steigen aus lachendem Grün der Olive
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Heilige Tempel vor ihm, Bilder der Götter empor.
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Mild schon lichtet ein Strahl ihm die nächtig umdunkelte Seele;
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Doch wie die Meute dem Wild, stürmen die Furien ihm nach,
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Murmeln ins Ohr ihm den Fluch der erschlagenen Mutter und ziehen
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Wilden Getümmels um ihn enger und enger den Kreis.
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Siehe! da schwebt durch die Luft, auf dem Goldschild ruhend die Rechte,
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Helmbuschprangenden Haupts Pallas Athene herab.
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Hoch in der Rechten den Speer, vor Huld sich dem Flehenden neigend,
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Ruft zum Gericht sie das Volk ihrer geheiligten Stadt.
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Schmetternd ertönt die Drommete; heran zu dem Tempel der Göttin,
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Sich auf den Stufen zu reihn, wallen die Männer Athens.
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Ernst hebt an das Gericht; nach unvordenklicher Satzung
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Heischen die Töchter der Nacht Blut für vergossenes Blut;
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Aber der Jüngling fleht um die sühnende Gnade der Götter,
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Die wie erquickender Tau mild sich vom Himmel ergießt.
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Lang nachsinnen die Richter, bevor sie entscheiden; vom Herold
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Werden die Lose gezählt, die in die Urne gerollt;
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Gleich sind die schwarzen an Zahl und die weißen; Orestes, der bange,
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Weiß nicht, ist er erlöst, ist er für immer verdammt –
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Aber die Göttliche legt in die Urne das Los der Befreiung,
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Und auf den Schützling senkt sanft sie die strahlende Stirn.
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So denn sind sie bezwungen, die düsteren Mächte der Vorwelt;
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So hat Milde gesiegt über das starre Gesetz.
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Jeglicher Fluch ist gesühnt; durch die prangenden Hallen des Tempels
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Schreiten Athens Jungfraun, Kränze von Myrten im Haar,
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Feiern mit Hymnen die neuen olympischen Götter, die heiter
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Ueber der Schicksalsnacht walten im ewigen Licht;
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Und auf den Stufen umher aus den Blicken der Schauenden leuchtet
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Andacht; jeglicher Mund murmelt ein frommes Gebet.
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Mählich verklangen die Chöre; der Festzug schwand in den Tempel,
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Doch in der Seele noch lang tönte die Dichtung mir nach,
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Während wie Wogengebraus mich der Tausende Stimmen umhallten,
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Welche mit jubelndem Ruf kündeten Aeschylus' Sieg.
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Kühl da fühlt' ich ein Wehn mir die Schläfe berühren; ich fand mich,
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Als ich die Augen erschloß, wieder auf nacktem Gestein.
91
Trümmer, wohin ich nur sah; im Frührot glühte der Himmel,
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Her von Joniens Strand morgendlich hauchte der Ost,
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Und mir über dem Haupte, den Marmorspalten entsprossen,
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Rauschte, vom Winde bewegt, wildes Olivengesträuch.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Adolf Friedrich von Schack
(18151894)

* 02.08.1815 in Schwerin, † 14.04.1894 in Rom

männlich, geb. Schack

deutscher Dichter, Kunst- und Literaturhistoriker

(Aus: Wikidata.org)

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