Zu einer Totenfeier für Arnold Böcklin

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Hugo von Hofmannsthal: Zu einer Totenfeier für Arnold Böcklin (1901)

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Nun schweig, Musik! Nun ist die Szene mein,
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Und ich will klagen, denn mir steht es zu!
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Von dieser Zeiten Jugend fließt der Saft
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In mir; und er, des Standbild auf mich blickt,
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War meiner Seele so geliebter Freund!
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Und dieses Guten hab ich sehr bedurft,
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Denn Finsternis ist viel in dieser Zeit,
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Und wie der Schwan, ein selig schwimmend Tier,
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Aus der Najade triefend weißen Händen
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Sich seine Nahrung küßt, so bog ich mich
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In dunklen Stunden über seine Hände
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Um meiner Seele Nahrung: tiefen Traum.
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Schmück ich dein Bild mit Zweig und Blüten nur?
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Und du hast mir das Bild der Welt geschmückt
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Und aller Blütenzweige Lieblichkeit
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Mit einem solchen Glanze überhöht,
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Daß ich mich trunken an den Boden warf
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Und jauchzend fühlte, wie sie ihr Gewand
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Mir sinken ließ, die leuchtende Natur!
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Hör mich, mein Freund! Ich will nicht Herolde
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Aussenden, daß sie deinen Namen schrein
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In die vier Winde, wie wenn Könige sterben:
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Ein König läßt dem Erben seinen Reif
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Und einem Grabstein seines Namens Schall.
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Doch du warst solch ein großer Zauberer,
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Dein Sichtbares ging fort, doch weiß ich nicht,
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Was da und dort nicht alles von dir bleibt,
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Mit heimlicher fortlebender Gewalt
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Sich dunklen Auges aus der nächtigen Flut
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Zum Ufer hebt – oder sein haarig Ohr
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Hinter dem Efeu horchend reckt,
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drum will ich
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Nie glauben, daß ich irgendwo allein bin,
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Wo Bäume oder Blumen sind, ja selbst
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Nur schweigendes Gestein und kleine Wölkchen
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Unter dem Himmel sind: leicht daß ein Etwas,
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Durchsichtiger als Ariel, mir im Rücken
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Hingaukelt, denn ich weiß: geheimnisvoll
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War zwischen dir und mancher Kreatur
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Ein Bund geknüpft, ja! und des Frühlings Au,
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Siehe, sie lachte dir so wie ein Weib
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Den anlacht, dem sie in der Nacht sich gab!

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Ich meint um dich zu klagen, und mein Mund
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Schwillt an von trunkenem und freudigem Wort:
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Drum ziemt mir nun nicht länger hier zu stehen.
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Ich will den Stab dreimal zu Boden stoßen
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Und dies Gezelt mit Traumgestalten füllen.
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Die will ich mit der Last der Traurigkeit
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So überbürden, daß sie schwankend gehn,
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Damit ein jeder weinen mag und fühlen:
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Wie große Schwermut allem unsern Tun
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Ist beigemengt.
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Es weise euch ein Spiel
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Das Spiegelbild der bangen, dunklen Stunde,
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Und großen Meisters trauervollen Preis
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Vernehmet nun aus schattenhaftem Munde!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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