1
O hätt ich seine Stimme, hier um ihn
2
Zu klagen! Seinen königlichen Anstand,
3
Mit meiner Klage dazustehn vor euch!
4
Dann wahrlich wäre diese Stunde groß
5
Und Glanz und Königtum auf mir, und mehr
6
Als Trauer: denn dem Tun der Könige
7
Ist Herrlichkeit und Jubel beigemengt,
8
Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.
9
O seine Stimme, daß sie unter uns
10
Die Flügel schlüge! – Woher tönte sie?
11
Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprach
12
Mit solcher Zunge? Welcher Fürst und Dämon
13
Sprach da zu uns? Wer sprach von diesen Brettern
14
Herab? Wer redete da aus dem Leib
15
Des Jünglings Romeo, wer aus dem Leib
16
Des unglückseligen Richard Plantagenet
18
Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen,
19
Ein niebezauberter Bezauberer,
20
Ein Ungerührter, der uns rührte, einer,
21
Der fern war, da wir meinten, er sei nah,
22
Ein Fremdling über allen Fremdlingen,
23
Einsamer über allen Einsamen,
24
Der Bote aller Boten, namenlos
25
Und Bote eines namenlosen Herrn.
26
Er ist an uns vorüber. Seine Seele
27
War eine allzu schnelle Seele, und
28
Sein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels.
29
Dies Haus hat ihn gehabt – doch hielt es ihn?
30
Wir haben ihn gehabt – er fiel dahin,
31
Wie unsre eigne Jugend uns entfällt,
32
Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.
33
O Unrast! O Geheimnis, offenkundiges
34
Geheimnis menschlicher Natur! O Wesen,
35
Wer wärest du? O Schweifender! O Fremdling!
36
O nächtlicher Gespräche Einsamkeit
37
Mit deinen höchst zufälligen Genossen!
38
O starrend tiefe Herzenseinsamkeit!
39
O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf!
40
O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht!
41
Wie du hinliefest, weißes Licht, und rings
42
Ins Dunkel aus den Worten dir Paläste
43
Hinbautest, drin für eines Herzschlags Frist
44
Wir mit dir wohnten – Stimme, die wir nie
45
Vergessenwerden – o Geschick – o Ende –
46
Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod!
47
O wie das Leben um ihn rang und niemals
48
Ihn ganz verstricken konnte ins Geheimnis
49
Wollüstiger Verwandlung! Wie er
50
Wie königlich er standhielt! Wie er schmal,
51
Gleich einem Knaben, stand! O kleine Hand
52
Voll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern,
53
O vogelhaftes Auge, das verschmähte,
54
Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug,
55
O Aug des Sperbers, der auch vor der Sonne
56
Den Blick nicht niederschlägt, o kühnes Aug,
57
Das beiderlei Abgrund gemessen hat,
58
Des Lebens wie des Todes – Aug des
59
O Bote aller Boten, Geist! Du Geist!
60
Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen,
61
Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!
62
Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst,
63
Schauspieler ohne Maske du, Vergeistiger,
64
Du bist empor, und wo mein Auge dich
65
Nicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich,
66
Dem Unzerstörbaren, und hältst in Fängen
67
Den Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft,
68
Weißer als Licht der Sterne: dieses Lichtes
69
Bote und Träger bist du immerdar,
70
Und als des Schwebend-Unzerstörbaren
71
Gedenken wir des Geistes, der du bist.