Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller

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Hugo von Hofmannsthal: Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller (1901)

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Dies Haus und wir, wir dienen einer Kunst,
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Die jeden tiefen Schmerz erquicklich macht
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Und schmackhaft auch den Tod.

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Und er, den wir uns vor die Seele rufen,
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Es war so stark! Sein Leib war so begabt,
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Sich zu verwandeln, daß es schien, kein Netz
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Vermöchte ihn zu fangen! Welch ein Wesen!

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Er machte sich durchsichtig, ließ das Weiße
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Von seinem Aug die tiefste Heimlichkeit,
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Die in ihm schlief, verraten, atmete
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Die Seele der erdichteten Geschöpfe
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Wie Rauch in sich und trieb sie durch die Poren
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Von seinem Leib ans Tageslicht zurück.
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Er schuf sich um und um, da quollen Wesen
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Hervor, kaum menschlich, aber so lebendig –
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Das Aug bejahte sie, ob nie zuvor
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Dergleichen es geschaut: ein einzig Blinzeln,
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Ein Atemholen zeugte, daß sie waren
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Und noch vom Mutterleib der Erde dampften!
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Und Menschen! Schließt die Augen, denkt zurück!
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Bald üppige Leiber, drin nur noch im Winkel
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Des Augs ein letztes Fünkchen Seele glost,
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Bald Seelen, die um sich, nur sich zum Dienst
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Ein durchsichtig Gehäus, den Leib, erbauen:
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Gemeine Menschen, finstre Menschen, Könige,
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Menschen zum Lachen, Menschen zum Erschaudern –
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Er schuf sich um und um: da standen sie.

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Doch wenn das Spiel verlosch und sich der Vorhang
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Lautlos wie ein geschminktes Augenlid
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Vor die erstorbne Zauberhöhle legte
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Und er hinaustrat, da war eine Bühne
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So vor ihm aufgetan wie ein auf ewig
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Schlafloses aufgerißnes Aug, daran
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Kein Vorhang je mitleidig niedersinkt:
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Die fürchterliche Bühne Wirklichkeit.
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Da fielen der Verwandlung Künste alle
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Von ihm, und seine arme Seele ging
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Ganz hüllenlos und sah aus Kindesaugen.
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Da war er in ein unerbittlich Spiel
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Verstrickt, unwissend, wie ihm dies geschah;
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Ein jeder Schritt ein tiefrer als der frühere
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Und unerbittlich jedes stumme Zeichen:
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Das Angesicht der Nacht war mit im Bund,
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Der Wind im Bund, der sanfte Frühlingswind,
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Und alle
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Den zarten Seelen stellt das dunkle Schicksal
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Fallstricke dieser Art. Dann kam ein Tag,
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Da hob er sich, und sein gequältes Auge
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Erfüllte sich mit Ahnung und mit Traum,
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Und festen Griffs, wie einen schweren Mantel,
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Warf er das Leben ab und achtete
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Nicht mehr, denn Staub an seines Mantels Saum,
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Die nun in nichts zerfallenden Gestalten.

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So denkt ihn. Laßt ehrwürdige Musik
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Ihn vor euch rufen, ahnet sein Geschick,
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Und mich laßt schweigen, denn hier ist die Grenze,
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Wo Ehrfurcht mir das Wort im Mund zerbricht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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