Zum Gedächtnis

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Hugo von Hofmannsthal: Zum Gedächtnis (1901)

1
Er losch auf einmal aus so wie ein Licht.
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Wir trugen alle wie von einem Blitz
3
Den Widerschein als Blässe im Gesicht.

4
Er fiel: da fielen alle Puppen hin,
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In deren Adern er sein Lebensblut
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Gegossen hatte; lautlos starben sie,
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Und wo er lag, da lag ein Haufen Leichen,
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Wüst hingestreckt: das Knie von einem Säufer
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In eines Königs Aug gedrückt, Don Philipp
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Mit Caliban als Alp um seinen Hals,
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Und jeder tot.

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Da wußten wir, wer uns gestorben war:
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Der Zauberer, der große, große Gaukler!
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Und aus den Häusern traten wir heraus
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Und fingen an zu reden, wer er war.
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Wer aber war er, und wer war er nicht?

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Er kroch von einer Larve in die andre,
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Sprang aus des Vaters in des Sohnes Leib
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Und tauschte wie Gewänder die Gestalten.

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Mit Schwertern, die er kreisen ließ so schnell,
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Daß niemand ihre Klinge funkeln sah,
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Hieb er sich selbst in Stücke: Jago war
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Vielleicht das eine, und die andre Hälfte
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Gab einen süßen Narren oder Träumer.
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Sein ganzer Leib war wie der Zauberschleier,
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In dessen Falten alle Dinge wohnen:
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Er holte Tiere aus sich selbst hervor:
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Das Schaf, den Löwen, einen dummen Teufel
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Und einen schrecklichen, und den, und jenen,
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Und dich und mich. Sein ganzer Leib war glühend,
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Von innerlichem Schicksal durch und durch
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Wie Kohle glühend, und er lebte drin
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Und sah auf uns, die wir in Häusern wohnen,
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Mit jenem undurchdringlich fremden Blick
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Des Salamanders, der im Feuer wohnt.

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Er war ein wilder König. Um die Hüften
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Trug er wie bunte Muscheln aufgereiht
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Die Wahrheit und die Lüge von uns allen.
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In seinen Augen flogen unsre Träume
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Vorüber, wie von Scharen wilder Vögel
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Das Spiegelbild in einem tiefen Wasser.

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Hier trat er her, auf ebendiesen Fleck,
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Wo ich jetzt steh, und wie im Tritonshorn
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Der Lärm des Meeres eingefangen ist,
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So war in ihm die Stimme alles Lebens:
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Er wurde groß. Er war der ganze Wald,
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Er war das Land, durch das die Straßen laufen.
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Mit Augen wie die Kinder saßen wir
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Und sahn an ihm hinauf wie an den Hängen
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Von einem großen Berg: in seinem Mund
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War eine Bucht, drin brandete das Meer.

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Denn in ihm war etwas, das viele Türen
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Aufschloß und viele Räume überflog:
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Gewalt des Lebens, diese war in ihm.
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Und über ihn bekam der Tod Gewalt!
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Blies aus die Augen, deren innrer Kern
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Bedeckt war mit geheimnisvollen Zeichen,
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Erwürgte in der Kehle tausend Stimmen
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Und tötete den Leib, der Glied für Glied
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Beladen war mit ungebornem Leben.

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Hier stand er. Wann kommt einer, der ihm gleicht?
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Ein Geist, der uns das Labyrinth der Brust,
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Bevölkert mit verständlichen Gestalten,
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Erschließt aufs neu zu schauerlicher Lust?
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Die er uns gab, wir konnten sie nicht halten
66
Und starren nun bei seines Namens Klang
67
Hinab den Abgrund, der sie uns verschlang.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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