Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hugo von Hofmannsthal: Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer (1901)

1
Wenn endlich Juli würde anstatt März,

2
Nichts hielte mich, ich nähme einen Rand,
3
Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn
4
Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.

5
Da stünden Gruppen großer Bäume nah,
6
Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche:
7
Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!

8
Da stiege ich vom Pferde oder riefe
9
Dem Kutscher: Halt! und ginge ohne Ziel
10
Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.

11
Und unter solchen Bäumen ruht ich aus;
12
In deren Wipfel wäre Tag und Nacht
13
Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,

14
Wo Tage manchmal öd sind wie die Nacht
15
Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag.
16
Dort wäre alles Leben, Glanz und Pracht.

17
Und aus dem Schatten in des Abendlichts
18
Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin,
19
Doch nirgend flüsterts: »Alles dies ist nichts.«

20
Das Tal wird dunkel, und wo Häuser sind,
21
Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an,
22
Doch nicht vom Sterben spricht der nächtige Wind;

23
Ich gehe übern Friedhof hin und sehe
24
Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen,
25
Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.

26
Und zwischen Haselsträuchern, die schon düstern,
27
Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich
28
Und höre kein »Dies ist vergeblich« flüstern!

29
Da ziehe ich mich hurtig aus und springe
30
Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe,
31
Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.

32
Halb heb ich mich aus der eiskalten Welle,
33
Und einen glatten Kieselstein ins Land
34
Weit schleudernd, steh ich in der Mondeshelle.

35
Und auf das mondbeglänzte Sommerland Fä
36
Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig
37
Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?

38
So trüb und traurig, der halb aufrecht kauert
39
Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt
40
Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?

41
Er, den der böse Wind in diesem März
42
So quält, daß er die Nächte nie sich legt,
43
Gekrampft die schwarzen Hände auf sein Herz?

44
Ach, wo ist Juli und das Sommerland!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.