Vor Tag

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Hugo von Hofmannsthal: Vor Tag (1901)

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Nun liegt und zuckt am fahlen Himmelsrand
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In sich zusammengesunken das Gewitter.
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Nun denkt der Kranke: »Tag! jetzt werd ich schlafen!«
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Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt
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Die junge Kuh im Stall die starken Nüstern
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Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald
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Hebt der Landstreicher ungewaschen sich
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Aus weichem Bett vorjährigen Laubes auf
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Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein
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Nach einer Taube, die schlaftrunken fliegt,
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Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf
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Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser,
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Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach
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Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild
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Und kalten Hauches hin, indessen droben
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Der Heiland und die Mutter leise, leise
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Sich unterreden auf dem Brücklein: leise,
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Und doch ist ihre kleine Rede ewig
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Und unzerstörbar wie die Sterne droben.
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Er trägt sein Kreuz und sagt nur: »Meine Mutter!«
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Und sieht sie an, und: »Ach, mein lieber Sohn!«
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Sagt sie. – Nun hat der Himmel mit der Erde
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Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht
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Ein Schauer durch den schweren, alten Leib:
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Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben.
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Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun
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Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett,
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Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb
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Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht
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Sich im Wandspiegel und hat plötzlich Angst
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Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden,
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Als hätte dieser selbe heute nacht
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Den guten Knaben, der er war, ermordet
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Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen
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Im Krüglein seines Opfers wie zum Hohn,
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Und darum sei der Himmel so beklommen
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Und alles in der Luft so sonderbar.
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Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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