Ich reite viele Stunden jeden Tag

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Hugo von Hofmannsthal: Ich reite viele Stunden jeden Tag Titel entspricht 1. Vers(1901)

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Ich reite viele Stunden jeden Tag,
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Durch tiefen toten Sand, durch hohes Gras,
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Durch gutes helles Wasser und durch schwarzes
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Im Wald, das quillt und gurgelt unterm Huf.
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Zuweilen reit ich auf die Sonne zu,
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Die Kupferscheibe in den schwarzen Büschen,
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Zuweilen gegen feuchten Wind, manchmal
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Auf einem heißen steilen Weg, manchmal
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Auf einem Damm in heller stiller Luft,
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Daß ich die krummen Äste zählen kann
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Der Apfelbäume auf der fernen Straße
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Und einen Tümpel leuchten seh, weit weit!
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Und meinen Fuchs und meine rote Kappe
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Und weiße Handschuh sieht man auch weit weit
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Und meine dunklen Hüften, Arm' und Schultern
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Am gelben Damm bei dieser hellen Luft
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Wie fliegend Glas, das überm Feuer flirrt.

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Zuweilen reiten viele neben mir
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Und viele vor mir, alles ist voll Lärm,
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Die grünen Mulden dröhnen, und die Luft
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Ist voller Klirren, und ich seh vor mir
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(mit feuchten Augen von dem starken Wind)
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Die vordersten hinjagen auf dem Hang:
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Ein Knäuel Braun' und Rappen, zwei, drei Schimmel,
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Nur weiße Flecken, und in dem Gedränge
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Der dunklen Reiter blinken gold die Helme
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Und so die Klingen, wie ein Netz von Adern
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Lebendgen Wassers blinkt im stärksten Mond
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(darüber, weißt du? schwebt es milchig weiß
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Und viele Unken schreien, wundervoll).
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Zuweilen aber reit ich ganz allein,
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So still! ich höre, wie die Mücke schwirrt,
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Wenn sie dem Fuchs vom Hals zur Schulter fliegt;
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Lang schau ich einer Nebelkrähe nach
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Und folg der schwarzen auf dem grauen Weg
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Durch dürre Wipfel hin und her, und seh
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Fasanenhähnchen auf einander losgehn
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Im niedern Gras, wo viele Anemonen,
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Schneeweiße, stehn; sitz ab und laß den Fuchs
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Mit nachgelaßnen Gurten ruhig grasen
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Und riech dann noch, wenn ich zu Haus den Handschuh
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Abstreif, gemengt mit dem Geruch vom Pferd
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Den Duft von wildem kühlem Thymian ...
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Und fühl in alledem so nichts vom Leben!

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Wie kann das nur geschehn, daß man so lebt
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Und alles ist, als obs nicht wirklich wäre?
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Nichts wirklich als das öde Zeitverrinnen
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Und alles andere wie nichts: das Wasser,
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Der Wind, das schnelle Reiten in dem Wind,
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Das Atmen und das Liegen in der Nacht,
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Das Dunkelwerden, und die Sonne selbst,
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Das große Untergehn der großen Sonne
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Wie nichts, die Worte nichts, das Denken nichts!
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Kann denn das sein, daß nur soweit ich seh
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Das Leben aus der Welt gesogen ist,
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Aus allen Bäumen, Bergen, Hunden, aus
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Unzähligen Geschöpfen, so wie Wasser
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Aus einem heimlich aufgeschnittnen Schlauch?

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Gleichviel, es ist. Und nun schickst du mir her
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Bin Buch, so rot wie die Mohnblumen sind,
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Die vielen in den vielen grünen Feldern –
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Ihr Rot ist mir so nichts, und das Erschauern
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Der grünen Felder unterm Abendwind
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Ist mir so nichts – was ist darin vom Leben! –
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Und in dem Buch da ists, da ists, es ist.
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Es macht mich schauern, springt von einem Wesen
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Zum andern, ist in allem, reißt das eine
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Zum andern, sucht sich, sehnt sich nach sich selber,
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Berauscht sich an sich selber, »flicht, o Gott!
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In eins die bang beseligten Gestalten«,
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Und ist in einem Pfauen so enthüllt!
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So grauenhaft in Träumen und Narzissen,
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So grauenhaft und süß enthüllt! in Puppen!
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Wie kann das wieder sein? Gleichviel. Es ist.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hugo von Hofmannsthal
(18741929)

* 01.02.1874 in Wien, † 15.07.1929 in Rodaun

männlich, geb. von Hofmannsthal

| Schlaganfall

österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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