(auf dem innern Deckel)

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Otto Julius Bierbaum: (auf dem innern Deckel) Titel entspricht 1. Vers(1887)

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(auf dem innern Deckel)
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Madam! Ich hoffe sehr, daß Sie mich überleben
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Und mir (wohl bald) einmal die letzte Ehre geben.
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Dort, hinterm Weizenfeld, das jetzt in Ähren steht,
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Seh ich den Schauplatz unsres letzten Tête-à-Tête.
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Ich liege dann im Sarg; ein letzter Veilchenstrauß
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Folgt mir aus Ihrer Hand, und dieses Spiel ist aus.
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Sie werden weinen. Ach, ich kenn Ihr gutes Herz,
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Echt, wie Ihr Lieben, ist gewiß Ihr Witwenschmerz,
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Und vielmals schreiten Sie zum schwärzlichen Oval
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Der Eibenbäume in Graf Thrümmels Schattental.
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Dann aber, bitt ich sehr, Madam, solln Sie nicht weinen.
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Die Sonne wird vergnügt der goldenen Lilie scheinen,
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Die unsre Tänzerin in ihren Händen hält,
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Die unserm Schlummerplatz zur Wächtrin ward bestellt
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Durch eines Meisters Hand, der gern das Leben schmückte
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Und dem sogar der Schmuck des Totenplatzes glückte.
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Wo sonst das Christenkreuz eckige Schatten legt,
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Hat eine Grazie er zum schönsten Tanz bewegt.
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Selbst über Gräbern tanzt das Leben, stets amön:
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Ein junges Mädchen ists, verliebt, gelenk und schön.
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Betrachten Sie es wohl, und denken Sie dabei,
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Wie angenehm die Ruh nach langem Tanze sei
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Für einen alten Mann, der manchen Pas gesprungen.
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Gern, glauben Sies, Madam, ließ er den Platz den Jungen.
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Nur daß er Sie, mein Herz, verlassen mußte, war
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Ihm bitter weh ... Mein Gott, nun wein ich selber gar.
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Ich liebe, liebe dich. Ich will nicht von dir gehn.
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Und, wenn des Himmels Tore vor mir offen stünden,
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Ich will, will nicht zu Gott. In allen meinen Sünden,
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Krank, alt und schwach will ich an deiner Seite stehn.
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Grau wird es um mich her, doch hab ich dich, mein Licht.
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Ich leide, ich bin müd. Doch sterben will ich nicht.

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Nun, nun, nicht so, mein Herz. Was sein muß, das muß sein.
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Die Tänzerin winkt und lädt zum letzten Tanz mich ein.
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Sie müssen mich, Madam, Sie müssen mich ihr lassen
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Und müssen sich ein Herz zum letzten Schmerze fassen,
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Der Ihnen von mir kommt, von mir, den nichts so quält,
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Als was er gegen Sie in Wirrheit hat gefehlt.
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Verzeih, verzeihe mir! Ich weiß, ich habe dir
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Unendlich weh getan. Doch weher tat ich mir.
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Du stirbst vielleicht in Gott. Ich fahre gottlos hin,
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Weil ich ein Sohn der Qual und ohne Zügel bin,
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Ein wildes Tier, vom Sporn des Teufels angehetzt,
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Gequält zu quälen, – ach, wie ist mein Herz zerfetzt
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Von Wut und Gier und Angst. Hätt ich nicht dich gehabt,
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Die immer wieder mich mit Licht und Trost begabt,
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Ich hätte längst mich selbst aus diesem Buch gestrichen,
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In dem ich immer nur als Unheilsmaske stand,
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Stand ich auch manchmal hoch. Erst als dein Herz ich fand,
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Sind jener Nebel schwerste grau von mir gewichen.

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Ich schäme mich. Par Dieu! So schreibt kein Mann von Adel.
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Gott, der Graf Thrümmel schuf, verdient drum keinen Tadel,
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Und, was ich selbst mit mir, vielleicht verkehrt, begann,
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Ich tats auf meinen Kopf und als ein Edelmann.
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Der Pöbel mag sich selbst ziehn an den langen Ohren,
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Ich respektiere mich und bleibe wohlgeboren.
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Bereuen ist gemein. Tugend fürs Publikum.
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Der Thrümmel Wappenwort heißt stolz: Dreh dich nicht um!

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Die Gräfin Wackebarth ist, wie ein jeder weiß,
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Schön, stolz und voller Witz, bei ihrer Augen Blitz
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Wird es den Pagen, wirds den Exzellenzen heiß.

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Geruht sie mit Gefühl zu reden, schmilzt das Herz
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Dem Horchenden dahin, umnebelt wird der Sinn,
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Und jedes Mannesknie sinkt schleunigst erdenwärts.

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Die Gräfin Wackebarth geruhte gestern nacht
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Huldreich zu mir zu sein. Nacht wars und wir allein.
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Und groß ist ihre hocherhabne Busenpracht.

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Sie trug aus schwerem Samt ein malvenfarbnes Kleid,
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Im Mondenlichte war der Schimmer wunderbar.
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Um Hals und Knöchel wand sich königlich Geschmeid.

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Die Gräfin Wackebarth nahm mich an ihre Hand
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Und führte mich geschwind, als wäre ich ein Kind,
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Zum Ende der Allee, wo eine Laube stand.

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Dort zeigte sie mir mehr, als ihres Busens Schnee.
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Ich aber sprach: Pardon, wo ist nur mein Lorgnon?
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Gestatten Sie, Madam, daß ich es suchen geh.

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Die Gräfin Wackebarth schlug wild mich ins Gesicht
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Und spuckte in den Sand, dann ist sie fortgerannt,
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Und heute sah ich sie, doch sie, sie sah mich nicht.

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Mich traf ihr Schlag, mich trifft Verachtung ganz mit Recht.
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Ist man ein Kavalier, so habe man Manier
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Auch contre cour. Und ich betrug mich wirklich schlecht.

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Madam, ich sag es frei:
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Zufrieden sei ein jeder Mann,
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Wenn er, und wers auch immer sei,
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Au point d'amour was fühlen kann.
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Bald ist die Zeit der Kraft vorbei,
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Und dann
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Sieht jede Blume ihn mit Vorwurfsaugen an,
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Sein Herz ist ein Gefäß voll eklem Sauerbrei
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Aus Reu und Mißgunst, keuchend im Gespann
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Des Alters schleppt er die verpaßten
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Gelegenheiten und wie ungeheure Lasten
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Durch ein erinnerungsleeres Einerlei.
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Wer aber nicht zu jenen Gottverhaßten
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Gehört, in denen Wasser rann
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Statt Blutes, wer sich Lust gewann,
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Genießt im Lebenswinter noch einmal den Mai
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Beglückter Kraft, wie einen goldgefaßten
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Demanten: als Erinnerung.
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So hält den Helden Lorbeer jung.
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Und erst der Tod schlägt jenen Spiegelstein entzwei.

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(unter eine Statue der Melancholie)
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Wagt euch nicht her, Lärm und gemeine Lust,
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Geklimper und Geschrei!
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Hier träumt, umschleiert Angesicht und Brust,
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Melancholei.
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Sie will das Leben nur durch Schleier sehn
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Und weit von ihm entfernt;
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Sie kennt die süße Ruh: in sich zu gehn
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Und hat der Wehmut großes Glück gelernt.
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Ein Spiegel stand vor mir. Als ich darin mich sah:
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Wie ward mir wunderlich, wie ängstlich ward mir da.
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Du, fragt ich mich, um Gott, Fremdling, wer bist denn du?
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Was siehst du mich so an? Was nickst du mir so zu?
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Jetzt hältst du an den Mund den Zeigefinger dir.
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Still soll ich sein? Warum? Es ist ja niemand hier.
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Wir zwei sind hier allein. Es schweigt die stumme Nacht,
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Hört sie das Zwiegespräch der Zweie, die hier leise
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Sich sagen, wie verrucht ihr Leben sie verbracht,
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Zu lange töricht, ach, und viel zu späte weise.
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Der andre lächelte. Wie tat dies Lächeln weh!
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Ich sah es schon einmal: so, daß ichs immer seh.
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Es kam vom Galgen her, daran ein Mörder hing.
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Die Leiche lächelte, daß mir die Lust verging
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Zu lächeln wochenlang. Es war so grauenvoll,
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Daß Angst im Herzen mir wie eine Kröte schwoll.
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Und nun erblickte ich dasselbe Lächeln mir
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Im Spiegel vis-a-vis, bis sich der Mund zum Schreien
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Wild auseinanderriß. Ich möchte, schrie ich, dir,
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Elendes Hohngesicht, in deine Larve speien.
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Der andere schloß den Mund und starrte vor sich hin.
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Trotz lag auf seiner Stirn, Wollust auf seinem Kinn.
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Er schien mir nicht bereit, der Reue Kreuz zu tragen
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Und fürderhin der Lust der Welt Valet zu sagen.
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Doch war in seinem Blick ein Grauen: bald ists aus:
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Es sitzt und nagt und pocht der Moderwurm im Haus.
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Mein Spiegelkamerad verfiel und ward ein Greis.
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Sein Kinn sank auf die Brust, die Augen wurden blöde.
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Ich schlug ins Spiegelglas. Es splitterte wie Eis.
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Und mich umwinterte des Alters bange Öde.

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Gern les ich den Horazius,
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Das war ein Kavalier.
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An heutigen Karminibus
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Find ich nicht viel Pläsier.
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Nach Rüböl riechen sie, das ranzt,
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Und wenn die deutsche Muse tanzt,
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So wackelt das Quartier.

150
Das ist gewiß, und wenn ichs nicht gestünde,
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Wärs gegen meines Blutes reinen Adel Sünde:
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Ich bin kein Heiliger, der sich für Gott verzehrt.
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Ich habe ihn auf meine Art verehrt,
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Als Gott der Liebe, der es selbst erfuhr,
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Daß Zeugen Wonne ist, und der voll Gnaden
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Darum jedwede kleine Kreatur
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Mit seiner Lust, zu zeugen, hat beladen.
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Mir scheint es gottlos, ohne Lust zu leben.
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Was so ein großer, guter Herr gegeben,
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Wirft nur ein schlechter Diener ekel hin.
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Ich laß mich gern von Blutes Wallen heben,
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Weil ich Gott treu und gern sein Diener bin.

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Wer Gott auf andre Weise dient,
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Ist ganz in Trotz und schief geschient.

165
Pflücke die Stunden!
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Zum Kranze gewunden
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Hat sie die Macht,
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Die dich erschuf.

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Lust ist, o Sterblicher, Last nur den Toren,
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Die ihrer Sinne Kompaß verloren,
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Weisen ists wundervoll leichter Beruf.
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Carpe diem, – und sei es bei Nacht.

173
Gestern nacht an meinem Bette
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Stand das grinsende Skelette
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Jenes Mannes mit der Hippe
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Und der Uhr.
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Langsam sprach er ohne Lippe,
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Ohne Gaumen, ohne Zunge,
179
Ohne Wangen, ohne Lunge,
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Knochen, Knochen, Knochen nur:
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Lieber Graf, ich bin zur Stelle,
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Da die Stunde zum Appelle
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Vor dem Generalissimus naht.
184
Wenig braucht es Vorbereitung,
185
Denn er sieht nicht viel auf Kleidung
186
Und er kennt nur einen Staat:
187
Tugend, die ergötzlich helle,
188
Engelreine Lichtmontur.

189
Werter Herr, ich bin parat,
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Sagte ich, ein wenig leise,
191
Während ich zur letzten Reise
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Ungern in den Schlafrock fuhr.

193
Höflich stützt er mich beim Gehen,
194
Seine dürren Knochenzehen
195
Klapperten auf dem Parkett.

196
Manchmal blieb mein Führer stehen,
197
Sich ein Bildnis anzusehen,
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Kennerierte,
199
Rezensierte:
200
»hm, nicht übel, hm, ganz nett.«

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Gerne hätt ich ihn gebeten,
202
In die Galerie zu treten,
203
Weil dort Meisterwerke viel
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Leuchtend zum Verweilen laden,
205
Doch es drängten seine Gnaden
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Sehr bestimmt nach anderm Ziel.

207
Schleppte mich zum Spiegelsaale,
208
Wo wer weiß wie viele Male

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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