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Madam! Ich hoffe sehr, daß Sie mich überleben
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Und mir (wohl bald) einmal die letzte Ehre geben.
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Dort, hinterm Weizenfeld, das jetzt in Ähren steht,
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Seh ich den Schauplatz unsres letzten Tête-à-Tête.
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Ich liege dann im Sarg; ein letzter Veilchenstrauß
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Folgt mir aus Ihrer Hand, und dieses Spiel ist aus.
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Sie werden weinen. Ach, ich kenn Ihr gutes Herz,
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Echt, wie Ihr Lieben, ist gewiß Ihr Witwenschmerz,
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Und vielmals schreiten Sie zum schwärzlichen Oval
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Der Eibenbäume in Graf Thrümmels Schattental.
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Dann aber, bitt ich sehr, Madam, solln Sie nicht weinen.
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Die Sonne wird vergnügt der goldenen Lilie scheinen,
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Die unsre Tänzerin in ihren Händen hält,
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Die unserm Schlummerplatz zur Wächtrin ward bestellt
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Durch eines Meisters Hand, der gern das Leben schmückte
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Und dem sogar der Schmuck des Totenplatzes glückte.
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Wo sonst das Christenkreuz eckige Schatten legt,
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Hat eine Grazie er zum schönsten Tanz bewegt.
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Selbst über Gräbern tanzt das Leben, stets amön:
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Ein junges Mädchen ists, verliebt, gelenk und schön.
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Betrachten Sie es wohl, und denken Sie dabei,
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Wie angenehm die Ruh nach langem Tanze sei
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Für einen alten Mann, der manchen Pas gesprungen.
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Gern, glauben Sies, Madam, ließ er den Platz den Jungen.
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Nur daß er Sie, mein Herz, verlassen mußte, war
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Ihm bitter weh ... Mein Gott, nun wein ich selber gar.
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Ich liebe, liebe dich. Ich will nicht von dir gehn.
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Und, wenn des Himmels Tore vor mir offen stünden,
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Ich will, will nicht zu Gott. In allen meinen Sünden,
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Krank, alt und schwach will ich an deiner Seite stehn.
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Grau wird es um mich her, doch hab ich dich, mein Licht.
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Ich leide, ich bin müd. Doch sterben will ich nicht.
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Nun, nun, nicht so, mein Herz. Was sein muß, das muß sein.
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Die Tänzerin winkt und lädt zum letzten Tanz mich ein.
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Sie müssen mich, Madam, Sie müssen mich ihr lassen
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Und müssen sich ein Herz zum letzten Schmerze fassen,
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Der Ihnen von mir kommt, von mir, den nichts so quält,
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Als was er gegen Sie in Wirrheit hat gefehlt.
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Verzeih, verzeihe mir! Ich weiß, ich habe dir
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Unendlich weh getan. Doch weher tat ich mir.
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Du stirbst vielleicht in Gott. Ich fahre gottlos hin,
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Weil ich ein Sohn der Qual und ohne Zügel bin,
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Ein wildes Tier, vom Sporn des Teufels angehetzt,
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Gequält zu quälen, – ach, wie ist mein Herz zerfetzt
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Von Wut und Gier und Angst. Hätt ich nicht dich gehabt,
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Die immer wieder mich mit Licht und Trost begabt,
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Ich hätte längst mich selbst aus diesem Buch gestrichen,
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In dem ich immer nur als Unheilsmaske stand,
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Stand ich auch manchmal hoch. Erst als dein Herz ich fand,
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Sind jener Nebel schwerste grau von mir gewichen.
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Ich schäme mich. Par Dieu! So schreibt kein Mann von Adel.
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Gott, der Graf Thrümmel schuf, verdient drum keinen Tadel,
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Und, was ich selbst mit mir, vielleicht verkehrt, begann,
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Ich tats auf meinen Kopf und als ein Edelmann.
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Der Pöbel mag sich selbst ziehn an den langen Ohren,
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Ich respektiere mich und bleibe wohlgeboren.
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Bereuen ist gemein. Tugend fürs Publikum.
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Der Thrümmel Wappenwort heißt stolz: Dreh dich nicht um!
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Madam, ich sag es frei:
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Zufrieden sei ein jeder Mann,
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Wenn er, und wers auch immer sei,
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Au point d'amour was fühlen kann.
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Bald ist die Zeit der Kraft vorbei,
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Sieht jede Blume ihn mit Vorwurfsaugen an,
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Sein Herz ist ein Gefäß voll eklem Sauerbrei
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Aus Reu und Mißgunst, keuchend im Gespann
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Des Alters schleppt er die verpaßten
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Gelegenheiten und wie ungeheure Lasten
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Durch ein erinnerungsleeres Einerlei.
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Wer aber nicht zu jenen Gottverhaßten
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Gehört, in denen Wasser rann
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Statt Blutes, wer sich Lust gewann,
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Genießt im Lebenswinter noch einmal den Mai
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Beglückter Kraft, wie einen goldgefaßten
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Demanten: als Erinnerung.
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So hält den Helden Lorbeer jung.
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Und erst der Tod schlägt jenen Spiegelstein entzwei.
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(unter eine Statue der Melancholie)
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Wagt euch nicht her, Lärm und gemeine Lust,
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Geklimper und Geschrei!
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Hier träumt, umschleiert Angesicht und Brust,
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Sie will das Leben nur durch Schleier sehn
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Und weit von ihm entfernt;
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Sie kennt die süße Ruh: in sich zu gehn
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Und hat der Wehmut großes Glück gelernt.
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Ein Spiegel stand vor mir. Als ich darin mich sah:
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Wie ward mir wunderlich, wie ängstlich ward mir da.
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Du, fragt ich mich, um Gott, Fremdling, wer bist denn du?
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Was siehst du mich so an? Was nickst du mir so zu?
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Jetzt hältst du an den Mund den Zeigefinger dir.
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Still soll ich sein? Warum? Es ist ja niemand hier.
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Wir zwei sind hier allein. Es schweigt die stumme Nacht,
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Hört sie das Zwiegespräch der Zweie, die hier leise
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Sich sagen, wie verrucht ihr Leben sie verbracht,
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Zu lange töricht, ach, und viel zu späte weise.
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Der andre lächelte. Wie tat dies Lächeln weh!
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Ich sah es schon einmal: so, daß ichs immer seh.
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Es kam vom Galgen her, daran ein Mörder hing.
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Die Leiche lächelte, daß mir die Lust verging
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Zu lächeln wochenlang. Es war so grauenvoll,
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Daß Angst im Herzen mir wie eine Kröte schwoll.
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Und nun erblickte ich dasselbe Lächeln mir
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Im Spiegel vis-a-vis, bis sich der Mund zum Schreien
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Wild auseinanderriß. Ich möchte, schrie ich, dir,
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Elendes Hohngesicht, in deine Larve speien.
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Der andere schloß den Mund und starrte vor sich hin.
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Trotz lag auf seiner Stirn, Wollust auf seinem Kinn.
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Er schien mir nicht bereit, der Reue Kreuz zu tragen
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Und fürderhin der Lust der Welt Valet zu sagen.
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Doch war in seinem Blick ein Grauen: bald ists aus:
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Es sitzt und nagt und pocht der Moderwurm im Haus.
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Mein Spiegelkamerad verfiel und ward ein Greis.
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Sein Kinn sank auf die Brust, die Augen wurden blöde.
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Ich schlug ins Spiegelglas. Es splitterte wie Eis.
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Und mich umwinterte des Alters bange Öde.
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Das ist gewiß, und wenn ichs nicht gestünde,
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Wärs gegen meines Blutes reinen Adel Sünde:
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Ich bin kein Heiliger, der sich für Gott verzehrt.
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Ich habe ihn auf meine Art verehrt,
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Als Gott der Liebe, der es selbst erfuhr,
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Daß Zeugen Wonne ist, und der voll Gnaden
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Darum jedwede kleine Kreatur
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Mit seiner Lust, zu zeugen, hat beladen.
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Mir scheint es gottlos, ohne Lust zu leben.
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Was so ein großer, guter Herr gegeben,
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Wirft nur ein schlechter Diener ekel hin.
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Ich laß mich gern von Blutes Wallen heben,
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Weil ich Gott treu und gern sein Diener bin.
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Gestern nacht an meinem Bette
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Stand das grinsende Skelette
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Jenes Mannes mit der Hippe
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Langsam sprach er ohne Lippe,
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Ohne Gaumen, ohne Zunge,
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Ohne Wangen, ohne Lunge,
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Knochen, Knochen, Knochen nur:
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Lieber Graf, ich bin zur Stelle,
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Da die Stunde zum Appelle
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Vor dem Generalissimus naht.
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Wenig braucht es Vorbereitung,
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Denn er sieht nicht viel auf Kleidung
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Und er kennt nur einen Staat:
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Tugend, die ergötzlich helle,
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Engelreine Lichtmontur.
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Gerne hätt ich ihn gebeten,
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In die Galerie zu treten,
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Weil dort Meisterwerke viel
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Leuchtend zum Verweilen laden,
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Doch es drängten seine Gnaden
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Sehr bestimmt nach anderm Ziel.