1
Bei Mädchen, die einen schlechten Lebenswandel führen
2
Und sich dabei nicht einmal zieren,
3
Bei Mädchen, die, wenn es dämmert, spazieren,
4
Indem sie sich in den Hüften wiegen,
5
Während sie sonst meistens im Bette liegen
7
Oder einer Lektüre pflegen,
8
Die man nicht anders als mißbilligen kann,
9
Weil sie die Seele nicht hinan,
10
Sondern hinunter führt in Sphären,
11
Wo reine Seelen niemals verkehren,
12
Bei Mädchen, sag ich, solcher Sorte,
13
Daß, sie nach Gebühr zu charakterisieren,
14
Die deutsche Sprache ermangelt der Worte,
15
Weil sich sogar die ältesten Adjektive genieren,
17
Sieht man, legt man seinen Hut
18
Auf der Kommode oder sonstwo nieder,
19
Hergestellt durch Photographie
20
Oft eine ganze Bildergalerie
21
Von Männerantlitzen brav und bieder.
22
Zumal die Armee und Reichsmarine
23
Steuert dazu bei manche stolze Miene
24
Von kriegerischer Entschlossenheit
25
Und Schnurrbartesisterreichtigkeit.
26
Aus allen Truppen treffen sich hier
27
Korporal, Sergeant und Unteroffizier,
28
Wobei natürlich der Kavallerist
29
Immer bei weitem der schönste ist.
30
Das Zivil ist nicht so stark vertreten,
31
Und wenn, so sind es meist Athleten,
32
Die auf dem Bizeps eingegraben
33
Einen blauen Reichsadler haben
34
Oder das Bildnis seiner Majestät
35
Oder eine schöne Nudität
36
Oder ein nützliches Gerät,
37
Z.B. einen Anker oder eine Kanone.
38
Zum Beweise aber, daß auch Gefühl in ihnen wohne,
39
Sieht man auf ihrer Mannesbrust zumeist
40
Ein Herz, aus dem eine Flamme schlägt,
41
Was, gut und richtig ausgelegt,
42
Auch bei Athleten soviel wie Liebe heißt.
43
Trotzdem ist, wenn man den Mädchen glaubt,
44
Der Gedanke an Liebe hier nicht erlaubt.
45
Alle diese Gefreiten und Sergeanten
46
Gehören zu Annas Anverwandten,
47
Desgleichen ein jeder Kraftathlet
48
Zu ihr in Verwandtschaftsbeziehungen steht
49
(woraus ein jeder ersehen mag:
50
Sie ist von einem guten Schlag),
51
Doch ist es besser, sie offenbart
52
Ihre tüchtige Herkunft auf aktive Art,
53
Denn, ohne ungalant zu sein,
54
Möchte ich mir zu bemerken erlauben,
55
Es ist diesen Mädchen nicht sehr zu glauben,
56
Sie sind geübt in Schwindelein.
57
Ein jeder weiß, daß jede erzählt,
58
Sie sei die Tochter eines Pastoren
59
Und zu was anderem geboren
60
Und sei auch schon Gouvernante gewesen,
61
Habe einer alten Gräfin vorgelesen
62
Und was so mehr Geschichten sind,
63
Bis zum bewußten ersten Kind
64
Vom sittenlosen Sohn des Hauses, der
65
Ihr plötzlich raubte ihre Ehr.
66
In solchen Romanen haben sie
67
Eine Ossip Schubinische Phantasie.
68
Und also mag man den Lilienstengeln
69
Auch in Hinsicht der vielen Cousängeln
70
Mit einigem Mißtrauen entgegentreten:
71
Es sind die Krieger und Athleten
72
Nicht mehr mit ihr verwandt als wie
73
Ein jeder andre Besucher und sie.
75
Das, wertes Publikum, ist die Magie
76
Der Liebe, ist die Wahlverwandtschaft,
77
Hier waltet mehr als flüchtge Bekanntschaft,
78
Hier waltet tiefe Sympathie.
79
Was hier auf lichtempfindlichen Papieren
80
Gerahmt in Plüsch und Zelluloid
81
Mit starrem Aug bezahltes Karressieren
82
Allstündlich vor sich gehen sieht,
83
Ist der Beweis, daß auch in Annas Seele
84
Die Liebe lebt, die gratis sich ergibt.