Diskret

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Otto Julius Bierbaum: Diskret (1887)

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Bei Mädchen, die einen schlechten Lebenswandel führen
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Und sich dabei nicht einmal zieren,
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Bei Mädchen, die, wenn es dämmert, spazieren,
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Indem sie sich in den Hüften wiegen,
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Während sie sonst meistens im Bette liegen
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Oder Patience legen
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Oder einer Lektüre pflegen,
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Die man nicht anders als mißbilligen kann,
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Weil sie die Seele nicht hinan,
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Sondern hinunter führt in Sphären,
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Wo reine Seelen niemals verkehren,
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Bei Mädchen, sag ich, solcher Sorte,
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Daß, sie nach Gebühr zu charakterisieren,
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Die deutsche Sprache ermangelt der Worte,
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Weil sich sogar die ältesten Adjektive genieren,
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Bei
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Sieht man, legt man seinen Hut
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Auf der Kommode oder sonstwo nieder,
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Hergestellt durch Photographie
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Oft eine ganze Bildergalerie
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Von Männerantlitzen brav und bieder.

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Zumal die Armee und Reichsmarine
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Steuert dazu bei manche stolze Miene
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Von kriegerischer Entschlossenheit
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Und Schnurrbartesisterreichtigkeit.
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Aus allen Truppen treffen sich hier
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Korporal, Sergeant und Unteroffizier,
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Wobei natürlich der Kavallerist
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Immer bei weitem der schönste ist.
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Das Zivil ist nicht so stark vertreten,
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Und wenn, so sind es meist Athleten,
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Die auf dem Bizeps eingegraben
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Einen blauen Reichsadler haben
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Oder das Bildnis seiner Majestät
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Oder eine schöne Nudität
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Oder ein nützliches Gerät,
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Z.B. einen Anker oder eine Kanone.
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Zum Beweise aber, daß auch Gefühl in ihnen wohne,
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Sieht man auf ihrer Mannesbrust zumeist
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Ein Herz, aus dem eine Flamme schlägt,
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Was, gut und richtig ausgelegt,
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Auch bei Athleten soviel wie Liebe heißt.

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Trotzdem ist, wenn man den Mädchen glaubt,
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Der Gedanke an Liebe hier nicht erlaubt.
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Alle diese Gefreiten und Sergeanten
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Gehören zu Annas Anverwandten,
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Desgleichen ein jeder Kraftathlet
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Zu ihr in Verwandtschaftsbeziehungen steht
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(woraus ein jeder ersehen mag:
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Sie ist von einem guten Schlag),
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Doch ist es besser, sie offenbart
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Ihre tüchtige Herkunft auf aktive Art,
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Denn, ohne ungalant zu sein,
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Möchte ich mir zu bemerken erlauben,
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Es ist diesen Mädchen nicht sehr zu glauben,
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Sie sind geübt in Schwindelein.
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Ein jeder weiß, daß jede erzählt,
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Sie sei die Tochter eines Pastoren
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Und zu was anderem geboren
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Und sei auch schon Gouvernante gewesen,
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Habe einer alten Gräfin vorgelesen
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Und was so mehr Geschichten sind,
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Bis zum bewußten ersten Kind
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Vom sittenlosen Sohn des Hauses, der
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Ihr plötzlich raubte ihre Ehr.
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In solchen Romanen haben sie
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Eine Ossip Schubinische Phantasie.
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Und also mag man den Lilienstengeln
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Auch in Hinsicht der vielen Cousängeln
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Mit einigem Mißtrauen entgegentreten:
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Es sind die Krieger und Athleten
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Nicht mehr mit ihr verwandt als wie
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Ein jeder andre Besucher und sie.

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Woher dann aber die Photographie?

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Das, wertes Publikum, ist die Magie
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Der Liebe, ist die Wahlverwandtschaft,
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Hier waltet mehr als flüchtge Bekanntschaft,
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Hier waltet tiefe Sympathie.

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Was hier auf lichtempfindlichen Papieren
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Gerahmt in Plüsch und Zelluloid
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Mit starrem Aug bezahltes Karressieren
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Allstündlich vor sich gehen sieht,
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Ist der Beweis, daß auch in Annas Seele
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Die Liebe lebt, die gratis sich ergibt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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