Prolog zur Jobsiade

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Otto Julius Bierbaum: Prolog zur Jobsiade (1887)

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Wie der Verfasser der Jobsiade
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Lebte und meinte, und was er tate,
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Steht im Meyer und im Brockhaus
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Gründlich, ausführlich und durchaus.

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Auch ist vollkommen klein schon gespalten,
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Was man von seinem Humore muß halten,
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Und was von seiner Knittelei
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Quoad Ästhetik zu meinen sei.

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Darüber legten so Bartels wie Meyer
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Entzückend ovale kritische Eier,
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Und übrigens liebt das Publikum
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Hundert Jahre und länger Hieronimum.

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Bin also einigermaßen verlegen,
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Was
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Bei allem Drücken und aller Qual
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Wird schließlich meins auch bloß oval.

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Seis drum: ich legs. Gleich andern wackern
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Kritischen Hennen kann ich auch gackern,
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Und, legt mein Ei man in Kortums Sol,
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Findt mans auch schließlich gesalzen wohl.

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Und so beginn ich denn unverweilen
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Das Allerwichtigste mitzuteilen:
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Karl Arnold Kortum, Doktor der Medizin
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war

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Denn er hielte nicht wenig auf seinen Magen
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Und meinte, das Hungertüchernagen
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Sei weder gesund, noch angenehm;
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Drum dichtete er bloß außerdem.

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Und legte sich fleißig aufs Krankekurieren,
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Oper-, Purg-, Ordin- und Medizinieren,
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Weshalb ihm die
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Und nicht die Poeten ein Denkmal gesetzt.

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Doch ist es gewiß, daß von seinen Rezepten
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Ihn keine, doch Verse viel überlebten.
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Das Rezipe schuf den Bauch ihm breit,
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Der Pegasus wiehert Unsterblichkeit.

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Sonst ist nicht viel von ihm zu berichten.
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Was tat er denn Großes? Heilen und dichten.
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Er war kein Heiliger und kein Held,
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Hat nirgends nichts, krach, auf den Kopf gestellt.

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Lebte bloß so mit seinen Talenten,
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Medikamenten und Instrumenten
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Unscheinbar dahin zu Bochum der Stadt,
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Die jetzt mehr als damals Einwohner hat.

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Es gab da noch keine Metallgießereien,
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Doch hörte man zahlreiche Vierfüßler schreien;
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An Stelle der Gußstahlindustrie
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Prädominierte das nützliche Vieh.

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Das fand schon auf der Straße sein Futter,
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Revanchierte sich fleißig mit Milch und Butter
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Und gab am Ende, wenns leider tot,
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Das Material zum Boeuf

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Doch war man wenig auf Fleisch versessen,
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Hat lieber Gemüse und Brot gegessen,
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Stand nur der Wippap in der Näh,
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Das ist der Kessel voll dünnem Kaffee.

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Aus diesem Grunde (meint Doktor Kortum)
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Ging selten gefährliche Kränke dort um.
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Item: man war nicht üppig bei Kost,
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Auch hatte das Städtchen keine fahrende Post.

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Auch das war dem Wohlsein kaum gegenteilig;
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Man wird nervös, hat man es eilig.
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Von Kortums Patienten klagte nie
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Ein einziger über Neurasthenie.

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Wie aber will bei solchen Umständen
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Ein geistreicher Arzt seine Zeit verwenden?
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Entweder: er säuft (und das ist gemein),
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Oder: es fallen ihm Verse ein.

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O Spiritus! Von allen Produkten
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Der Gärung von Lissabon bis Mukden
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Bist du das stärkste. Von Pol zu Pol
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Rühmen die Völker den Alkohol.

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Es tranken die Griechen, Römer, Hebräer,
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(makkabä-, Mannichä-, Sadduzäer),
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Und auch beim Turmbau zu Babylon
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Tranken so Maurer wie Zimmerer schon.

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Am Euphrat, am Tigris, am Ganges, am Nile,
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In Mexiko, Mecklenburg, Lobenstein, Chile,
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Auf dem Himalaya, der Jungfrau, selbst auf dem Popo-
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Katepetl war immer des Trunkes man froh.

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Engländer und Russen, Sachs-, Preußen, Franzosen,
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Worin sind sie einig? In Spirituosen;
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Man bechert von Potschappel bis Paris
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Und denkt nicht an Rheuma und Nierengries.

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Doch Kortum war Arzt, und er wußte: die Schnäpse
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Haben zur Folge verschiedene Kolläpse,
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Und auch nach zu vielem Bier und Wein
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Stellt sich allzugern allerhand Kränkliches ein.

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Viel ungefährlicher ist das Skandieren;
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Man kann dabei höchstens den Verstand verlieren,
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Und das auch nur dann, wenn man sowieso
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Nicht ganz grundfest ist im Kapitolio.

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Im ganzen ist der Verkehr mit den Musen
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Vorzuziehen dem mit Spiritussen,
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Wenn man, wie sichs am Rand versteht,
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Dabei nicht gleich bis zum Laster geht.

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Das wußte Karl Arnold. Er trieb es mit Maßen
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Und
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Griff sie, wo sie weich sind, nahm sie aufs Knie,
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Aber Débauchen beging er nie.

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Doch eins, ja, das: Er hatte ne Neigung
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Zu nicht immer ganz sänftlicher Liebesbezeigung,
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Zerknüllte gerne Röckchen sowohl wie Frisur, –
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Kurz, er machte den Musen handgreiflich die Cour.

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Da rutschte manch Schleifchen, zerriß manche Spitze,
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Man sah auch manchmal dabei in der Hitze
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Ein nackigtes Stückchen an Stellen, wo
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Es weder damals noch heut comme il faut.

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Doch das war am Ende nicht weiter bedenklich,
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Die Madames waren damals recht leicht einhenklich,
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Denn mit der Moral stands leider bös.
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Das achtzehnte Jahrhundert war amourös.

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Dagegen war eins nicht à la mode
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In dieser mehr zierlichen Zeitperiode,
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Was Doktor Kortum gar sehr behagt:
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Er hat gerne alles graderaus gesagt.

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Er war nicht fürs Wortepomadisieren,
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Und, mochte Euterpchen sich noch so sehr zieren,
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Er brachte ihr ungeniert Ausdrücke bei,
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Als ob sie in Bochum geboren sei.

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»komm, Phyllis, zu wallen im Lustparadiese!«
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Unsinn: Komm Grete, geh mit auf die Wiese.
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»o siehe, wie Luna die Lilien küßt!«
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Unsinn: Komm raus, weils Vollmond ist.

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Und, wie er kein Freund war vom Phrasenscherwenzeln,
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So liebte er wenig das zierliche Tänzeln
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In höfischen Formen, galant und kokett;
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Er war mehr fürn Hopser, als fürs Menuett.

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Nach Flöte und Geige gefällig zu schleifen
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War nicht seine Sache, die Dudelsackpfeifen
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Gaben seinem Gestampfe den holprigen Takt,
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Wenn er Fräulein Euterpen hat hüftlings gepackt.

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Doch das sind schließlich bloß Äußerlichkeiten.
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Den Pegasus kann man verschiedentlich reiten:
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Im spanischen Tritt und im Bauerngalopp,
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Der Sitz macht den Reiter, nicht Trab oder Hopp.

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Und das wird man Kortumen nachsagen müssen:
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Sein struppiger Gaul hat nicht ab ihn geschmissen,
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Wie sehr auch manchmal ausschlug das Beest,
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Doktor Kortum ist immer oben gewest.

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Ihm machten Vergnügen die wilden Kapriolen,
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Hat sich in Freiheit dressiert das Dichterfohlen
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Just grade auf Quersprung und Zuckeltrott.
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Gefolgt hats doch seinem Hüh und Hott.

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Mir scheint, als ob man nicht ganz nach Verdienste
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Schätzte des Jobsdoktors Reiterkünste.
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Sie sehen ja aus, als obs gar nichts wär,
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Und doch ist diese Art Zotteln schwer.

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Er glaubte Hans Sachsen nachzuspotten
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Mit seinem stolpernden, holpernden Trotten.
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Doch hat er dem nichts am Zeuge geflickt;
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Der Schuster ritt anders und sehr geschickt.

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Hansens Verse sind gar nicht komisch und holprig;
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Nur auf dem Papiere macht es sich stolprig;
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Gelesen sind sie schmiegsam wie Wachs.
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Respekt vor dem Versemeister Hans Sachs!

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Respekt aber auch vor dem Knitteler Kortum!
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Er führte herbei manchen Versabortum
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Und meinte, das wäre bloß Travestie.
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War aber mehr. War Harmonie

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Im Disharmonischen, war ein Treffer
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Im komischen Stile. Kein Nachäffer
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War unser Doktor, war originell.
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Drum saß im Ohre sein Ton so schnell.

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Weil ihm nicht weniger als Hans Sachsen
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Ein eigener Schnabel zum Singen war gewachsen,
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Weil er nicht sang, wie jedermann sung:
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Das brachte sein Lied so rasch in Schwung.

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Er war, um zu reden mit Liliencronen,
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Ein Neutöner in den sterilen Zonen
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Des deutschen komischen Heldengedichts,
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Schuf seine Manier sich aus dem Nichts.

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Sonst wäre trotz all seinem Geist und Humore
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Hieronimus Jobs nicht durch so viele Tore
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Jahrzehnt auf Jahrzehnt geschritten bis heut,
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Da die »Insel« ihn nagelneu alt herbeut.

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Mehr wüßte ich eigentlich nicht zu sagen,
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Denn reichlich unnütz scheint mir das Fragen,
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Ob niedrig, ob hoch die Gattung sei
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Dieser Art komischen Poesei.

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Ich behaupte getrost: der Jobs ist klassisch,
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Sei er bloß bochumsch oder parnassisch.
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Was sich unmariniert so lange frisch erhält,
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Sei, ob es auch klein, neben Großes gestellt.

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Doch eins noch, das: Es geht das Gerede,
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Die zwei Fortsetzungen, alle beede,
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Seien durchaus vom Überfluß;
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Tot hätte solln bleiben Hieronimus.

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Dann hätte das Kunstwerk seine Rundheit
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Bewahrt und streng ästhetische Gesundheit,
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Indessen jetzt Teil zwei und drei
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Nichts weiter als schädliche Wucherung sei.

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O Gott, ihr Herren vom kritischen Knaster,
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Laßt ihr nicht endlich mal ab von dem Laster,
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Immer nur Warzen und Auswuchs zu sehn,
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Wo die Triebe der Kraft etwas üppiger stehn?

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Ich dächte, wir haben uns nicht zu beklagen,
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Daß Hieronimus auferstand aus dem Schragen,
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Denn so der zweite wie dritte Teil
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Bereiten uns gar keine Langeweil.

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Ich möchte sie beide durchaus nicht missen
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Und bin sehr glücklich, aus ihnen zu wissen,
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Daß Doktor Kortum noch allerhand
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Außer dem scharfen Schinden verstand.

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Zum Beispiel: Ein Mädchen zu malen wie Esther.
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Ich wünschte, ich hätte so eine Schwester.
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Wobei ich gar nicht böse wär,
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Würde der Baron dann mein Schwageer.

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Auch muß ich gestehen: Wie der Nachtwächter,
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Gefällt mir der
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Zug scheint mir auch das zu sein,
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Daß er begraben sein will beim Amalein;

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Obwohl die, wie wir es deutlich lesen,
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Durchaus kein Tugendausbund gewesen.
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Fehlte das, käm mir des Doktors Humor
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Beträchtlich weniger süße vor.

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Ja, ich bekenne: die Fortsetzungen
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Haben mich immer erst ganz bezwungen,
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Weil ich daraus mit Freuden erfuhr:
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Karl Arnold hatte nicht Schärfe nur.

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Er war ein Poet auch aus dem
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Er konnte auch ohne Höllenstein scherzen.
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Der rasse Wein wird mählich mild,
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Der schroffe Schnitt wird zum runden Bild.

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Und keiner kann sagen: die Sache wird soßig,
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Der Witz wird schal, der Humor wird klosig.
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Es geht nur, wie es im Leben geht:
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Der Gang wird ruhig, beschaulich, stät.

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Was der Dichter mit splitternden Hieben begonnen,
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Hat schließlich das Ansehn von Schnitzwerk gewonnen;
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Die harte Kontur kriegt weicheren Schwung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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