Ein Traum

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Otto Julius Bierbaum: Ein Traum (1887)

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Das war wundervoll: Ich träumte:
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Es stand ein Haus dicht an der grünen See.
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Ihre Wellen, smaragden, rasten gegen seine Mauern:
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Tausende, tausende vorgereckte Hälse,
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Gebogene Nacken, gepeitschte Schweife,
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Eine wütende Meute heiseren Gebelles.
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Ich saß hinterm Fenster, das wie in einer Kirche hoch war,
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In einem Porphyrthrone, belegt mit gelben Kissen
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Aus rauhem chinesischen Brokat, vom Kaiser Kanghi
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Im Jahre sechzehnhundertundfünfundneunzig mir verliehen
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Für einen Hymnus auf den Sohn des Himmels im Stile
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Der purpurblauen Päonie. Ich sah hinaus,
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Gekleidet wie ein Amsterdamer Ratsherr zur Zeit Rembrandts.
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Drüben, hinter dem bellenden grünen Meere,
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Aus lauter Lapislazuli, aber Silber in den Klüften,
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Hob sich Gebirg. Der Himmel war aus Gold,
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Gehämmertem, ein Hintergrund für Heilige.
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Und eine Insel lag im grünen Meer
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Mit einem Tempel, – nein: mit einem Schlosse, – nein:
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Mit einem Haus der Venus. Silbergrau,
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Von Feuchte überronnen, war das Haus.
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Die Ecke, die es mir entgegenkehrte,
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War schön behauen. Eine nackte Frau
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Bog sich, aus gelbem rosaädrigen Gestein,
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Wie Marmor, aber rauher, poriger,
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Hervor und wog in ihren schmalen Händen
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Die vollen Brüste. Und sie lächelte.

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»oh Theodora, Hure, Kaiserin!« rief da mein Ratsherrnmund,
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»ich komme gleich!«

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Es war ein Traum. Drum ging ich übers Meer
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Wie über eine weiche grüne Wiese.
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Es war ein Traum. Drum sah ich ihren Schoß
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Als einen Lotoskelch. Es war ein Traum,
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Drum schlug man mich ans Kreuz.
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Die schöne Dame mit dem Lotoskelch,
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Es war ein Traum, sah mit Vergnügen zu,
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Wie man die Nägel mir durch Hand und Fuß
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Mit hölzernen Hämmern trieb. »Tuts gut, mi fili?«
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Rief Ihre Majestät und nahm
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Ein Pralinee aus ihrer Bonbonniere.

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Es war ein Traum. Drum war mein Schmerz Genuß.
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Es war ein Traum. Drum schoß der Kreuzesast,
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Von einem unsichtbaren Riesen wie ein Bogen
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Erdwärts gezerrt, mich einem Pfeile gleich
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Hinauf zum goldnen Himmel: wo ich nun,
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Es war ein Traum, als byzantinischer
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Hochheiliger Erzbischof in Mosaik
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Prachtvoll und majestätisch leuchtete.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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