Afrikanische Distichen

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Otto Julius Bierbaum: Afrikanische Distichen (1887)

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»wir auch wollen«, so sprach der pudelbegleitete Kanzler,
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»an der Sonne den Platz, der uns Deutschen gebührt.«

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Schön. Wir nahmen ihn ein. Es steckten die Assessoren,
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Steckten die Leutenants ihn ab mit schneidiger Hand.
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Schwarz im Gehrock und schwarz in der hochgeschloßnen Soutane
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Folgten des Christentums Boten der Staatsgewalt.
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Streng in zwei Lager geteilt, Konkurrenten auf Tod und Leben,
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Aber im übrigen ganz himmlicher Liebesbrunst voll.

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Ordnung herrschte fortan, Disziplin, Polizei und Gesittung,
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Wo der Wilde bisher Greuel auf Greuel gehäuft.
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Lieblich am Palmenstamm hing die kühn stilisierte Verordnung,
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Jede Giraffe erhielt Halsband und Mark und Korb.
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Aktenregale, vom Holz der Urwaldbäume gezimmert,
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Bogen sich bald von der Last emsig beschriebenen Papiers,
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Und es fungierte genau das löbliche Steuerkataster,
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Jeder Knopf ward gebucht, der einer Hose entsprang.
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Denn (das versteht sich von selbst) es wurde die ruchlose Blöße
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Jedes Wilden fortan von der Regierung behost,
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Und mit keuschem Kattun ward verhüllt, was das südliche Klima
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Leider den Weibern dort allzu üppig beschert.
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Emsig kauerte nun vorm Tintenfaße die Jugend,
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Lernte das Abc, lernte die Wacht am Rhein,
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Heil dir im Siegerkranz, Vater unser, du sollst nicht begehren
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Deines Nächsten Weib, kurz, was den Menschen erhebt.
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Aber, auf daß nicht bloß die
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Sondern der Körper auch wisse, was sich gehört,
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Drillte der Herr Sergeant mit vaterländischen Flüchen,
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Tritten in das Gesäß, oder woandershin,
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Streng nach dem Reglement die waffenfähige Menge
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In der adligen Kunst disziplinarischen Mords.
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Also geschah, was der Geist der Kultur wünscht, daß es geschehe,
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Wurde des Alkohols auch mitnichten gespart,
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Ebensowenig wie der trefflichen Nilpferdpeitsche,
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Die die Arbeit versüßt, wenn sie sonst sauer schmeckt.
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Kurz, es entwickelte sich die allerschönste Idylle,
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Tränen weinte der Lust Neger und Negerin,
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Tränen der Rührung aber benetzten die Brillengläser
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Manchem Geheimen Rat, der in Berlin residiert.

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Wie? Und jetzt? Was ist das? Das klingt ja wie Schüsse? Herr Lehmann,
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Riechen Sie nichts? Das riecht brenzlig, wie mich bedünkt?
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Aufruhr? Was ist denn los? Warum denn? Wieso denn? Weshalb denn?
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Wie? Ein Leutenant hat seinen Schwarzen gepfählt?
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Ja, und die Schufte schießen mit
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Jetzt auf

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Undank! Haben wir drum sie im Christentum unterwiesen,
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Daß sie als Christen tun, was sie als Heiden getan?
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Sehen Sie, das ist der Lohn! Wir haben zu gut sie behandelt.
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– Aber das Pfählen? – Ach Gott, daran sind sie gewöhnt.

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Nein, das Pfählen ists nicht, auch die Peitsche nicht. Recht hat Herr Lehmann;
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Daran sind sie gewöhnt: Aber das Standesamt,
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Aber die Hosen, der Drill, die Verordnungen und die Gebete,
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Das macht sie so rabiat: preußisch wolln sie nicht sein.

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Was im Sande der Mark Assessorengenerationen
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Langsam nur fertig gebracht, geht doch in Afrika
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Nicht in einem Jahrzehnt; die schwarzen Halunken haben
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Allzulange sich nackt frei wie die Teufel gefühlt.

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Und nun sollen sie flugs vor jedem Amtsschimmel Ehrfurcht
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Haben, wie Piefke sie hat? Nein, Herr Assessor, das ist
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So unmöglich, als wie, daß
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Lernten die Kunst, ein Mensch ohne Polizei zu sein.

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Eines schickt sich, sagt Goethe, für alle nicht. Bester Assessor,
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Entassessoren Sie sich, wenn Sie in Afrika sind,
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Bloß ein ganz klein wenig, und denken Sie dran, daß Neger
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Keine Piefkes sind. Dann wird es besser gehn.
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Unsern Platz an der Sonne, gewiß, den wollen wir suchen,
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Aber verdüstert ihn, bitte, nicht gleich mit euch.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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