Zwischen den Schlachten

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Otto Julius Bierbaum: Zwischen den Schlachten (1887)

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Das Geschäft in Bomben und Torpedos geht
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Augenblicklich in Ostasien ziemlich stille.
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Seitdem die japanische Flotte nach Wladiwostock
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Für zweimalhunderttausend Rubel Stahlzylinder geschmissen hat,
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Ohne beträchtlichen Schaden anzurichten und,
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Infolgedessen, ohne der Weltgeschichte
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Ein neues Kapitel einzuverleiben, ist
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So gut wie noch weniger passiert, es sei denn,
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Daß ich die Äußerung jenes Adjutanten
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Des Generals Kuropatkin erwähne, der
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Sich heute schon einen alten Hut voll freut, indem er
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Sich vorstellt, wie er mit den übrigen Helden
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Des heiligen Rußland eine Spritztour durch Japan
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Macht und die niedlichen Geishas aus nächster Nähe
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Kennen lernt und statt Wuttki Sake säuft.

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Aus diesem Grunde scheint es angebracht, Betrachtungen
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Ganz allgemeiner Natur darüber anzustellen,
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Wohin sich nun wohl eigentlich unsre
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Sympathien zu wenden haben; denn
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Das Vergnügen an einem auswärtigen Kriege ist nur halb,
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Wenn man nicht ganz genau und sicher weiß:
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Welcher der beiden ist meiner Teilnahme würdig?

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Nun könnte man freilich sagen: »Dummes Zeug, sie sind
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Mir alle beide gleichermaßen pipe,« – aber
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Dann ist die Sache eben ohne jeden Reiz. – Nein:
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Ich möchte wirklich wissen: Wünsche ich
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Väterchen den Sieg oder dem Mikado?

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Väterchen ist mir wohlbekannt; er ist
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Mit dem Großherzoge von Hessen verwandt, und
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Jedes Jahr wohnt er ein paar Wochen in Darmstadt.
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Dort geht er spazieren wie ein gewöhnlicher Mensch,
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Hat ein kleines, weiches Hütchen auf und interessiert sich
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Für Professor Olbrichs Dreieckornamente.
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Manchmal unterhält er sich mit Ernst Ludwig
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Über die verflossene Künstlerkolonie und
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Über das Wetter: Daß es veränderlich ist,
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Wie Fürstenlaunen, und manchmal läßt er
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Eine Bemerkung darüber fallen, daß
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Seinem Geschmacke Darm-Athen besser behagt, als
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Berlin an der Spree, obwohl oder weil in dieser Stadt ... jedoch
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Das führt zu weit. – Vom japanischen Mikado weiß
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Ich weniger. Das Bild, das Sullivan
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Von ihm in Walzertakten entworfen hat,
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Scheint stark geschmeichelt zu sein; es heißt,
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Er sei nicht halb so amüsant in Wirklichkeit; doch
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Soll er einen Garten voll Chrysanthemen besitzen, in dem
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So viele Arten dieser Blume wachsen, wie
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Ein Europäer es sich durchaus nicht vorstellen kann.

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Demnach stünde der Zar mir zweifellos näher, und
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Ich habe auch wirklich einige Neigung, ihm
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Den Sieg zu wünschen, aber ich sage mir
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Dennoch manchmal: ein paar Hiebe
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Könnten den Russen auch nicht schaden, denn
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Schießt die Knute (das Bild ist kühn) zu sehr ins Kraut,
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Langt sie am Ende zu uns herüber, und
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Eigentlich haben wir selber schon genug
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Knutoïde Einrichtungen im Deutschen Reiche.

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Wendet sich aber mein Sinn sympathisch dann
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Hin zum Reiche der aufgehenden Sonne, so
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Wird mir doch gleich bange, denn schließlich:
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Was in aller Welt geht mich denn Japan an?
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Kawakami zwar hat in Erstaunen mich,
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Muß ich gestehen, heftiger gesetzt, als selbst
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Josef Kainz, denn sein Harakiri
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War eine angenehme Leistung, und seine reizende Frau,
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Sadda – Yakko, ist ein süßes Ding, das
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Nur mit immer neuer Rührung ich
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Lachen und weinen als Kesah sah. Aber,
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Selbst wenn ich Hokusai und Utamaro und
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Noch ein Dutzend schwer merkbarer Namen mir
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Ins Gedächtnis rufe und mit Dankbarkeit
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An Lackschatullen denke und Räuchergefäße
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Und seidene Kockemonos und die Dichterin sei Schonagon, – ich
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Kann mir nicht helfen, mir wird nicht warm dabei;
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Die gelben Äffchen bleiben mir ewig Hose wie Jacke.
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Was also tu ich mit meiner Sympathie?
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Zähl ich die Knöpfe an meinem Überrock ab, oder
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Rupf ich die Blättchen einem Chrysanthemümchen aus:
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Mikado – Väterchen, Mikado – Väterchen? Oder
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Wart ichs ergeben ab, was Bernhard Bülow in seiner Eigenschaft
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Als Kanzler des Deutschen Reiches für richtig finden wird?
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Oder gedulde ich mich so lange, bis der männermordende
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Gott der Schlachten mit
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Von den beiden er
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Nein, nichts von alledem gedenke ich zu tun: ich
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Lege mein nächstes Honorar (und wärens gleich zwanzig Mark)
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In Japan- oder Russen-Papieren an, je nachdem
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Mein Leibbankier die Konjunktur beurteilt, – und
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Von diesem Augenblicke an weiß ich bestimmt, wohin
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Die Nadel meiner Sympathie sich wenden muß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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