Zwei Künstlerinnen

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Otto Julius Bierbaum: Zwei Künstlerinnen (1887)

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Die heilige Cäcilie versteht sich, wie man weiß,
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Sehr wohl auf das Harmonium
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Und spielt dem lieben Gott zum Preis
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Sehr schön darauf herum.
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Doch ist sie mehr des Zarten froh
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Und liebt das Pianissimo
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Und schmelzende Andante,
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Weil sie, wie jede Künstlerin,
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Mit feinem und erfahrnem Sinn
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Erkannte:
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Dies enchantiert mein Publikum,
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Engel und Anverwandte.

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Bellona hörte lange schon
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Der Hymnen und Choräle Ton
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Mit vielem Mißbehagen.
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Darum begann
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Sie dann und wann
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Die Pauke schon zu schlagen.
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Bald war sie dort, bald war sie da
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Mit ihrer groben Musika.
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Seis auf den Philippinen,
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Seis in Südafrika,
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Wo sie mit frohen Mienen
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Schon viele Hörer sah.
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Jedoch, das Rechte ward es nie.
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Bellona zog die Stirne kraus
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Und murmelte verdrießlich:
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So eine kleine Sinfonie
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Kann schließlich
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Auch Doktor Richard Strauß.
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Ich brauch noch viel mehr Blech und Krach,
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Bei dem Gewimmer wird mir schwach;
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Oh, hätt ich Massen, Massen,
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Mein ganzes Seelenungestüm
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In einem Fugenungetüm
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Gewaltig loszulassen.

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Indessen zog Cäcilia
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Mit Inbrunst die Harmonika
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Und fand (bei ausverkauftem Haus)
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Auf Himmel und Erden viel Applaus,
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Wobei der Zar
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Der allerbegeistertste Klatscher war.

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Das wurmte Bellonen,
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Es ist nicht zu sagen,
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Wie sehr.
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Sie schleppte Kanonen
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Und Pulverwagen
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Daher.
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Und prüfte die Zünder
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Und putzte die Schlünder
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Und fand:
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Es war das Orchester
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Der Monsterballester
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Im trefflichsten Stand.

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Und blies dem Zaren ins Ohr:
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Du Tor!
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Was sitzst du im Parkette
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Und lauschst den Säuselein
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Von Geigen und Schalmein
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Der himmlischen Motette!
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Dabei schläfst du noch ein,
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Und könntst doch selbst der Geister
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Der Welt-Kapellenmeister sein.

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Das ist das Amt des Zaren!
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Die ehmals der Tataren
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Blutge Bezwinger waren,
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Sind deine
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Du sollst, wie sie, dich strecken,
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Ostwärts die Pranken recken,
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Ganz Asien soll bedecken
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Mit seinem Flügelpaar
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Moskowiens Doppelaar.
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Es ist bei den Mongolen
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Noch viel für dich zu holen;
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Doch wird es dir gestohlen,
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Greifst du nicht hurtig zu,
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Von gelben Hundehorden,
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Die schon zu frech geworden,
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Weil du in Mollakkorden
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Versinkst zu fauler Ruh.
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Auf, auf! Es gilt

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Zar Nikolaus der Gute,
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Der hörte das nicht gern,
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Es wurde weh zumute
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Dem zartgemuten Herrn;
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Er dachte an den stillen Haag,
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Wo man mit delikaten
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Reden, von ihm geladen,
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Der Frage des ewigen Friedens pflag.

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Indessen, wenn er auch privat
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Dem Ideale huldigt,
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Es weiß der Zar, was er dem Staat
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Als Landesvater schuldigt.
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Man kann nicht immer, wie man mag.
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Sein Herz blieb freilich in dem Haag
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(und wird dort ewig, ewig bleiben),
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Doch sein Verstand,
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Der hat erkannt,
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Wo jetzt der Hase im Pfeffer lag,
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Und daß durchaus es nötig sei
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(hauptsächlich von wegen der Mandschurei),
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Die gelben Hunde zu Paaren zu treiben.
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Und lehnte mit gesenktem Schädel
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Den schönen Friedenspalmenwedel
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In eine stille Ecke, wo
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Baronin Suttner täglich ihn
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Einstäubt mit echtem Zacherlin
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In einem Futterale von dickem Kaliko.

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Bellona aber, toll vor Freude, fuhr
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Auf einem feurig roten Wolkenballen
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Zum Fluß Amur,
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Nahm einen Tannbaum in die Greifenkrallen,
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Taucht ihn in Blei und schrieb damit (in Dur
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Zumeist, wie sich versteht) auf eine Riesenfläche
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Von Schnee die neue große Partitur
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Der Sinfonie des Massenmords. Die Bleche
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Sind nicht darin gespart, und auch das Schlagwerk nicht.
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Kanonisch baut sich auf das furchtbare Gedicht
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In Tönen, die den Erdball beben machen
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Und selbst des Himmels Donner überkrachen,
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Geschweige denn Cäciliens Litanein.

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Die stellt das Spielen jetzt wohl eine Weile ein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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