Die Ballade vom Tod und dem Zecher

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Otto Julius Bierbaum: Die Ballade vom Tod und dem Zecher (1887)

1
Stell die Uhr ab, Freund Hein,
2
Schenk zum letzten Mal ein
3
Meinen gläsenen Becher
4
Mit tiefrotem Wein!

5
Laß dein Sensengeschwank,
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Setz dich her auf die Bank,
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Bin ein friedlicher Zecher
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Und trinke nicht Zank.

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Gelt, der Wein da ist gut?
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Burgunderisch Blut!
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Molk oft mir im Keller
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Aus dem Fasse Mut.

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Warum trinkst du denn nicht?
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O du kalkig Gesicht!
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Trink aus doch, trink schneller,
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Langweiliger Wicht!

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Herrgott, bist du fad!
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Es ist tief jammerschad,
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Daß der Tod so'n langweiliger
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Zechkamerad!

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Hätt es nimmer gedacht,
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Daß der Tod bei der Nacht
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Ein Gesicht wie ein heiliger
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Marabu macht.

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Gestorben muß sein,
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Doch ich sehe nicht ein,
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Warum so steifleinene
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Zeremonein.

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Nur näher gerückt!
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Nur die Glatze gebückt!
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Sei die hell elfenbeinene
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Rosengeschmückt!

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Na, was fehlt noch? Vielleicht,
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Daß ein Fiedelmann geigt?
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Los, Ländler und Lieder!
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Der Sensenmann schweigt.

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Wie, noch immer verstimmt?
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Tief scheinst du ergrimmt!
39
Doch die Lust kommt dem wieder,
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Der ein Mädel sich nimmt.

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Komm herein, Leonor',
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Tanz dem Tode was vor,
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Indessen Belinde
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Ihn kraue am Ohr.

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Und es kommen zu Zwein
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Die Mädchen herein,
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Und es singen gelinde
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Geig und Schalmein.

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Ist ein lustiger Takt,
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Und die Mädchen sind nackt,
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Und den Tod hat der Zecher
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Am Arme gepackt.

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Da eist ihm das Blut,
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Und es schrickt ihm der Mut,
55
Und er greift nach dem Becher,
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Im Becher ist Blut.

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Ist Blut, – aber blaß,
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Ein eisschaurig Naß.
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Trink, trink doch, du Frecher,
60
Der Tod schänkt dir das!

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Will nit lumpen sich lân,
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Auch zum Tanz tritt er an,
63
Hat auch Fräulein zweie
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Geladen zum Plan.

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Sind auch splitternackt,
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Tanzen auch nach dem Takt,
67
Und des Todes Schalmeie
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Die flötet vertrackt.

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Ist ein Menschengebein,
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Gedrechselt fein,
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Ihre Tanzlieder klingen
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Wie Fegfeuerschrein.

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Und es schrillt die Schalmei,
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Und es packen die Zwei
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Und drehen und schwingen
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Im Tanze ihn frei.

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Leeräugig und kalt
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Und mißgestalt
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Sind die Tänzerinnen
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Und moderalt.

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In grinsender Ruh,
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Turulu, Turulu,
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Spielt der Sensenmann selber
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Den Hopser dazu,

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Bis der Atem vergeht,
86
Und das Herz stille steht,
87
Und die Seele dem Tänzer
88
Zur Hölle weht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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