1
In einer Klosterbücherei,
2
Voll ausgestopft mit Kirchenvätern
3
Und sonstig heiligen Schweineledern,
4
Sankt Augustino grade nebenbei,
5
Fand ich, vor Schrecken fiel ich um,
6
Ganz kürzlich dies Opuskulum.
7
Es war auf Pergament gemalt,
8
Bunt golden fein verinitialt,
9
An Schnörkeln reich und Schilderein
10
Und lag in einem Eichenschrein;
11
Der war geschnitzt, ach, so süperbe!
12
Gott segne unser Kunstgewerbe.
13
Ich glaubt, daß es was Frommes wär,
14
Ein Andachtbuch, voll von Gebeten,
15
Legenden von Anachoreten,
16
Dogmatika und derlei mehr,
17
Und macht mich langsam drüber her;
18
Denn wenig interessiert mich so was,
19
Dieweil ich ein ungläubiger Thomas.
20
Doch kaum las ich die erste Zeile,
21
Kam ganz bedeutend ich in Eile,
22
Denn keine frommen Litanein
23
Barg dies barocke Kraftlatein,
24
Im Gegenteil, ich fand geschrieben
25
Ganz schlecht und recht die Kunst, zu lieben.
26
Nicht in ovidischer Manier,
27
Bald Contredanse, bald Brunstturnier,
28
Nicht südlich abenteuerlich,
29
Nein, urdeutsch bergwaldbäuerlich,
30
Mit Bärentatzen hingehaun
31
Und plump possierlich anzuschaun.
32
Mag wohl ein Mönch gewesen sein,
33
Der sich in Waldeinsiedelein
34
Zurückezog aus Liebeswogen,
35
Der sich mit Heckendorn umzogen
36
Sein kleines Haus, daß nicht ihm nah
38
Die früher ihm den Leib zerrissen
39
Mit ihren süßen Bitternissen,
40
Die tiefe Kunde ihm gelehrt,
41
Als sie sein heißes Herz versehrt.
42
Ich glaub, er war von Bauernstamm,
43
Ein derber Kerl, behaart und stramm,
44
Kein blasses Pfaffenangesicht.
45
Sein Gang war grad, sein Blick war licht.
46
Wenn segnend er die Hände streckte,
47
Er sich in Mannheit aufwärts reckte.
48
War er in seiner Zell allein,
49
Goß aus sein Herz er in Latein;
50
Dem fehlte alle Zierlichkeit
51
Und rhythmische Manierlichkeit;
52
Es war aus deutschem Herzenssaft,
53
Voll tumper teutscher Bauernkraft,
54
Kein Wort zu weng, kein Wort zu viel,
55
Im derben Eichenknorrenstil.
56
Und doch so fein gemalt, getuscht,
57
Von Rauschgoldbronce überhuscht,
58
Mit Rankenreben reich verziert,
59
Mit Bildwerk viel verkleinodiert,
60
Voll Kunst und Liebe, Preis und Pracht,
61
Es hat der Fleiß daraus gelacht.
62
Das las ich nun und war entzückt,
63
Von fremdem Glücke überglückt,
64
Denn das sah klar ich wohl daraus:
65
Die Liebe band ihm manchen Strauß,
66
Bis er, wer weiß, weshalb, warum,
67
Einkroch ins Monasterium.
68
Gern hätt ich alles abgeschrieben
69
Aus dieser sondren Kunst, zu lieben,
70
Doch kaum zu lesen fand ich Zeit.
71
Der Paters Widerhaarigkeit,
72
Der dieser Bücher Wächter war,
73
Erahnte weltliche Gefahr
74
Und trieb mich bald vom Pergamente.
75
Ich schrieb nur ab das kurze Ende,
76
Das kürzlich überschrieben hieß:
77
MeMENTO VIR UT DOMINUS SIS!
78
Ich übersetze das krause Latein:
79
Bedenke, Mann, Herr sollst du sein!
84
Das Weib ist süß und warm und zart
85
Und geht dir linde um den Bart,
86
Es setzt sich leicht dir auf den Schooß,
87
Du fühlst sie kaum, die liebe Last,
88
Doch wenn du sie im Herzen hast,
89
Dann wird sie schwer und mächtig groß,
90
Und greift dir um den ganzen Leib
91
Und machte dich selber gern zum Weib,
92
Und saugt dich aus und macht dich leer,
93
Als wenn sie des Teufels Lunge wär,
94
Und macht dich aller Mannheit bar,
95
Möchte dich haben ganz und gar,
96
Und macht dich schwach und macht dich klein,
97
Als wie ein Taubenfederlein,
98
Und eh du dir es nur gedacht,
99
Hat sie zum Nichtschen dich gemacht.
100
Drum halt dich fest und starr und stark,
101
Bleib Mann, oh Mann, Mann, bleibe Mark!
102
Halt ihr aufs Auge deine Faust,
103
Eh du als Seufzerthräne thaust.
104
Mach deine Lieb ihr nicht gemein,
105
Laß sie in Zweifeln ängstlich sein,
106
Sonst bringt die Siegerin dich um
107
Im Liebesspielmartyrium.
108
Ist deiner Lieb sie zu gewiß,
109
Braut sie aus Launen Bitternis,
110
Läßt tanzen dich wie einen Bär,
111
Läßt los auf dich ein ganzes Heer
112
Von Künsten böser Zauberei;
113
Nicht eine Stunde bist du frei,
114
Mußt laufen wie behängt mit Kletten,
115
Kannst nimmer dich vor Launen retten;
116
Die Blicke schwirrn von ihr wie Bienen
117
Nach andrer Männer süßen Mienen,
118
An jedem Zucker muß sie lecken,
119
Möcht gern aus fremden Töpfen schlecken,
120
Und nur aus einem Grund all dies:
121
Sie langweilt sich im Paradies,
122
Sie hat es eilig satt gekriegt,
123
Daß du zu weich sie eingewiegt.
124
Doch bist du harter Mannheit klug,
125
Kriegt nimmer sie an dir genug,
126
Hältst du im Zaum sie herrisch fest,
127
Sie nimmer, nimmer von dir läßt
128
Und küßt die Hand, die schwer und rauh,
129
Und ist gar eine liebe Frau.
130
Eins ist vor allem andren not:
131
Die Lieb sei ihr nicht täglichs Brot.
132
Du mußt sie nicht gar übersüßen,
133
Laß sie zu Zeiten Hunger büßen
134
Und gieb ihr wie dem kleinen Kinde
135
Statt Zuckerzwiebacks harte Rinde,
136
Daß ihrs ein tiefersehntes Fest,
137
Wenn du sie wieder kosten läßt
138
Vom süßen Liebeszuckerwecken,
139
In dem gar viel Rosinen stecken
140
Für ihrer Zunge Lüstigkeit.
141
Und gieb ihr auch von Zeit zu Zeit
142
Vom Bittersten ein wenig ein:
143
Laß sie recht eifersüchtig sein.
144
Laß sie in Aengsten um dich warten,
145
Derweil du gehst in fremdem Garten;
146
Da soll sie hinterm Gitter stehn
147
Und durch die Rosenbüsche sehn,
148
Wie du vergnügt herumspazierst
149
Und dich gar weidlich erlustierst.
150
Oh, wie sie froh dich dann empfängt,
151
An deinen Hals sich glücklich hängt,
152
Wenn sie in Aengsten hat gebangt:
153
Ob er wohl nach der Rose langt?
154
Doch treib zu weit nicht dieses Spiel
155
Und schieße hier nicht übers Ziel!
156
Hart sollst du, doch nicht grausam sein;
157
Gieb nicht zu viele Pillen ein
158
Von dieser bösen Bitternis,
159
Sonst dreht die Holde dir den Spieß,
160
Daß er dir deine Brust zerreißt
162
Ob sie nicht auch lustwandeln geht,
163
Wo fremder Früchte Süße steht?
164
Denn dann ist Fried und Freude aus,
165
Hornissennestwild wird dein Haus,
166
Und in dem Hinundwiderkriegen
167
Wirst stets der Frauen du erliegen,
168
Die Meisterin ohn Gleichen ist
169
In böser Launen Stachellist.
170
Von ihrer Lippen schönem Bogen
171
Kommt giftschwer mancher Pfeil geflogen,
172
Der tief sich in das Herz dir frißt,
173
Bis siech und todeswund du bist.
174
Die Frau, der du zu weh gethan,
175
Da sie dich sah in Liebe an,
176
Sie wird von Hasse schlangenwild,
177
Und ob sie auch der Taube Bild.
178
In ihres Auges Tiefe ruht
179
Der Höllenflamme Wüteglut,
180
Ein wüster Wurm hält davor Wache:
181
Zertretner Liebe wilde Rache.