Die Tanzgilde

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Otto Julius Bierbaum: Die Tanzgilde (1887)

1
Oihoh du! Ahei! Die Geige fängt an!
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Komm her, Mädel, komm, zum Tanze tritt an,
3
Zum Tanze mit mir, o du Meine!
4
Der Fiedelbogen springt,
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Die Geige singt;
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Hör, hör, wie das klingt!
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Es ist wie Gelach und Geweine.

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Wir gingen viel Wochen ein jeds für sich
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Und dachten so lange
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Und achten so bange,
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Jetzt aber im Arm fest halt ich dich,
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Und warm im Arm dir fühl ich mich,
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Jetzt gehn wir nicht mehr alleine!

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Und rundumadum
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Mit Jodelgejuchz
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Zu Baßgeschrumm
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Und Geigengeschluchz!
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Fest sie im Arm,
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Dreht er sie warm,
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Der Bursche sein Mädel im Tanze.

21
Sie stürmen im Braus
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Mit Sprung und Schwung,
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Es dröhnt das Haus,
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Und der Bursche jung
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Fängt an zu flehn,
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Sie soll mit ihm gehn,
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Das Mädel mit ihm – nach dem Tanze.

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Sie aber, bedacht,
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Sagt ihm Bescheid,
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Und alles lacht
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Und johlt und schreit;
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Und Rausch und Wut,
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Und es brennt das Blut,
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Und es jauchzen die Geigen zum Tanze.

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Das Hügelweibchen, im Winkel allein,
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Das murmelt und lächelt leise
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Und sieht mit gespenstischen Augen hinein
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In die tummeltanztobenden Kreise.
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Oh, was da all fliegt
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Und kraucht und kriecht,
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Was für Tierzeug im Tanz in der Stube sich wiegt!

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Jedjedes von ihnen sein Seeltier hat,
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Das folgt ihm im Rücken getreulich,
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Von allerlei Farbe und jeder Gestalt,
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Aber alle sind sie abscheulich.
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Oh, könnten sie sie schaun!
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Es würde sie graun;
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Und würden nicht fürder des Teufels Korn baun.

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Schopf-Ola vom Hügel, gestriegelt und glatt,
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Der dort, mit der Taille, der schmalen,
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Einen dürren Gockel zum Folgevieh hat
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Mit Sporen und Schwanzfederprahlen;
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Der Dös-Peter Waaf,
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Der hat ein Schaf,
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Aber der schlaue John Sanftland ein Füchslein brav.

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Der faule Knut Waldkamm, der »laß man«-Knut,
57
Der hat eine Sau zum Geleite,
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Dem Andree Hochland, dem Mädchenvogt,
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Springt jappend ein Bock zur Seite.
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Und dem freundlichen Grein,
61
Der sich dreht so sein,
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Folgt der graue Wolf auf dürrem Gebein.

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Den Lüderjahn-John stupst ein hungriger Gaul,
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Der nicht Wasser noch Heu kriegt zu schauen,
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Ein Bär sperrt hinter Lars Kraftarm das Maul,
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Jakob Schlüpfrig'n hörst du miauen;
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Und, guck mal an:
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Der grimme Christian,
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Der hat ein Häslein zum Kumpan.

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Klatsch-Guri eine Zicke hat,
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Mit Bommeln an der Kehle,
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Die dicke Malli ein Ferkel glatt,
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Zank-Berit eine Töle.
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Eine Elster dort
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Hinter Mari Nord;
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Rackel Langschenkel läuft vor 'ner Stute fort.

77
Die Maren, die Mette, die Lisabet,
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Auch Stine und Stockbrücks Oline,
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Die haben nur jede 'ne Leghenne fett,
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Desgleichen Bergklumps Jorine.
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Aber die Reiche von Koos,
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Die mit Silber hinterm Schloß,
83
Die den Hof kriegt: die hat eine Gans riesengroß.

84
So geht es tummelrundum im Tanz,
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Zweibeinig und auf Vieren;
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Das schwingt den Arm, das wirft den Schwanz,
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Es zittern Balken und Spieren.
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Da trampelt es draus,
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Und herein mit Gebraus
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Volks mehr noch ... daß Gott! Berstvoll ist das Haus!

91
Kobold und Zwerg
92
Aus Hügel und Berg,
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Geister Ertrunkener,
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Meernachtversunkener,
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Popanz und Borstentroll,
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Waldweib und Hügelweib,
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Dicker Leib, dünner Leib;
98
Alles hinein übern Haufen wie toll.

99
Rappelt die Flügel und plustert sich auf,
100
Schüttelt das Fell,
101
Und mit Geschnober, Geschnufel, Geschnauf,
102
Kletterspechtschnell,
103
Läuft es an Kisten und Kanten hinauf.

104
Stiebend wie Federflaum
105
Macht es sich mitten in Braus und Gelärm,
106
Mitten im Tanzgestampf, Staub und Geschwärm
107
Leiseleicht Raum.

108
Tanzt in den Ecken,
109
Keiner kanns sehn,
110
Zinken und Becken
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Spielen Verstecken,
112
Zauberwunderschön.
113
Klirr und kling,
114
Tingelingeling!

115
Leise, ganz leise,
116
Geisterliche Weise,
117
Keiner kanns hören,
118
Keiner kanns sehn:

119
Wassertropfengluck, Quellgeriesel tief,
120
Windgewein von West, Wellenwurf von Nord.
121
Winkelflüstern leis, ungesprochen Wort,
122
Raschellaub vom Baum, das im Falle rief ...

123
Trippelt nun, trappelt nun,
124
Graumännerchen, Grauweiberchen,
125
Tippelt nun, tappelt nun,
126
Die Sonne die schläft fest.
127
Humpelt nun, hampelt nun,
128
Herr Grauschopf und Frau Grauschopfin,
129
Zumpelt nun, zampelt nun,
130
Hei, Weihnachtsfest!

131
Bummel,
132
Bammel,
133
Spinneräderrockentanz,
134
Rockentanzgeschrammel.

135
Dunkel nah und ferne.

136
Bammel,
137
Bummel,
138
Rücken-Rücken-Reihetanz,
139
Rückentanzgetummel.

140
Dunkel Mond und Sterne.

141
Und wild und wilder, hei, so recht!
142
Zur Ecke schwing!
143
Zur Decke spring!
144
Mannshoch, hopp! so! Hei, bück dich, Knecht!
145
Jetzt geht es ohne Maßen.
146
Noch nie sahst du ein Tanzen so,
147
So Lust und Lärm,
148
So Schwung und Geschwärm,
149
Es braust in die Nacht, in die Ferne, oh,
150
Es ist im Rausch ein Rasen.
151
Juchen,
152
Jachen,
153
Tummeltanz und Krachen,
154
Krachen im Bärenpelze.

155
Hier ist ein rechter Kerl, ahei!
156
Durch Felsen gekommen,
157
Durchs Feuer geschwommen;
158
Willst du mich haben? Da hast du mich! Ei!
159
Ich winke nur: Komm! Und ich kriege.
160
Her mit dem Mund! Ich küß ihn, hoh,
161
So einen wie mich,
162
Wünscht jede sich!
163
Und rittst du bis Rom, findst keinen so,
164
Der wie ich im Tanze sich wiege.
165
Zieber,
166
Zaber,
167
Flackertanzgewaber,
168
Schön ist die dunkle Weihnacht.

169
Das Hügelweibchen sitzt und starrt,
170
Schwer geht die Brust: in Flammen
171
Zur Hölle rast die tolle Fahrt,
172
Gespenster und Menschen zusammen.
173
Das Licht wird matt; oh, mehr und mehr
174
Umringelt sie das Dunkel;
175
Kobolde kommen ein ganzes Heer –
176
Hui, glüht Springtanzgefunkel:

177
Schatzeinziger mein,
178
Komm, willst du mich frein,
179
Spieltraudel mir sein
180
Im Dudeli-dudelidei?
181
Du, du nur allein,
182
Oh, warte du mein,
183
Und dein will ich sein
184
Im Dudelidei.

185
Um mich ists geschehn,
186
Dein'n Weg muß ich gehn,
187
Zu Diensten dir stehn
188
Im Häusela-Häusela-hei.
189
Mußt zu mir nun auch stehn,
190
Mit mir nun auch gehn,
191
Dein Spinnrädel drehn
192
Im Häusela-hei.

193
Flachs sollst du spinnen,
194
Zwirn sollst du zwirnen,
195
Strümpf sollst du stricken,
196
Surelilei.

197
Ich will dich tragen,
198
Wiegen und wagen,
199
Hegen und pfle-
200
gelileia.

201
Lein wolln wir weben,
202
Den Webebaum heben,
203
Wachholder soll brennen,
204
Surelilei.

205
Die Wiege wird knacken,
206
Renntier wird schmecken,
207
Brot wolln wir bak-
208
kelibeia.

209
Schatzeinziger mein,
210
Ja, willst du mich frein,
211
Spieltraudel mir sein,
212
Im Dudeli-dudelidei!?

213
Du, du nur allein,
214
Ja, du warte mein,
215
Dein, dein will ich sein
216
Im Dudelidei!

217
Die Harfe singt;
218
Wie Weinen klingt
219
Ihr Lied, gelind
220
Wie Sommerwind.
221
Wiegt sich so weich,
222
Hebt sich so reich,
223
Fällt in Traum, wird still und stiller.
224
Nun, wieder erwacht,
225
Schwillt es mit Macht,
226
Brandet herauf
227
Wie Wogengetrauf:
228
Tief aus dem Traum,
229
Schaukelnder Schaum,
230
Ringt sich ein schluchzender Triller.

231
Ein blauer Kobold, reich und schön,
232
Im Strähnhaar goldene Spangen,
233
Tanzt her mit buhlendem Getön,
234
Das Hügelweibchen zu fangen:
235
Oh du Zauberschön,
236
Du sollst mit mir gehn,
237
Dein silbernes Spinnrad im Blauhügel drehn.

238
Bei Tage, da bin ich der braune Bär
239
Und trolle im Walde, dem weiten,
240
Bade tief im Waldsee mein Zottelfell schwer
241
Und muß durchs Wildwasser schreiten.
242
Spiel am Ufer hinan,
243
Bin der Herr vom Tann,
244
Soweit Dein Auge ihn sehen kann.

245
Doch, wenn die Zeit gen Mitternacht neigt
246
Und der Tag in den Hügel gegangen,
247
Oh, wie es dann glöckelt, oh, wie es dann geigt!
248
Dann bin ich in Tönen gefangen.
249
Und schleiche mich ein,
250
Zu dir mich hinein
251
Und schlafe in deinen warm Armen ein.

252
Meine Braut im Blauhügel sollst du sein,
253
Sollst Silber und Seide tragen,
254
Und eitel Glück soll um dich sein
255
In allen deinen Tagen.
256
Oh du Zauberschön,
257
Du sollst mit mir gehn,
258
Dein silbernes Spinnrad im Blauhügel drehn.

259
Aus streckt er die blasse, die blaue Hand,
260
Ihr ist, sie müsse vergeben.
261
Doch wie sie zum Kusse dem Mann sich gewandt,
262
Hat ein Rattenmaul spitz sie gesehen.
263
Ach Jesus! Oh Gott!
264
Oh Gott! Oh Not!
265
Sie fällt von der Bank und liegt wie tot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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