Zwei Menschen fanden sich

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Otto Julius Bierbaum: Zwei Menschen fanden sich Titel entspricht 1. Vers(1887)

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Zwei Menschen fanden sich
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Im dichten Garten des Lebens,
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Wie sich zwei Blätter im Wirbelwinde finden;
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Und sie zeugten mich.
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Dann haben sie mich gehütet und genährt,
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Gehalten und geführt,
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Bis ich stark ward, allein zu gehen
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In den großen, dichten Garten.

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Ich bin aufs geradewohl gegangen,
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Dahin, dorthin,
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Hatte kein Ziel.
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Irgend ein Ding in mir
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Trieb mich,
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Bald sachte drängend wie aus dunklen Tiefen,
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Bald mit Stößen, die waren,
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Als ob sie aus grellen Hellen kämen.

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Manchmal stand ich still
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Und lauschte:
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Ob ich nicht einen Ruf vernähme, daß ich wüßte:
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Wohin?

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Kein Ruf.

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Wanderte weiter in die Welt
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Ohn Ahnen, wohin.
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Aber das Ding in mir,
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Das wußte wohl, wohin
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Michs triebe.

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Hat mich über Berge geführt,
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Abgründen vorüber,
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Hat mich durch schwüle Ebenen gedrängt,
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Mitten durch Fieberdünste,
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Warf mich aufs Meer und lehrte mich schwimmen.
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Manchen Stoß erhielt ich in der Welt,
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Wunden empfing ich,
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Die Narben wurden,
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Schmerzen wühlten sich Wohnungen in mir
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Und kalkten sich ein;
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Ich müßte mich selber zerreißen,
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Wollte ich sie aus mir austreiben.
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Ich vergaß sie, wenn sie nicht tobten,
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Und, wenn sie tobten, schrie ich mit,
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Bis sie stille waren.
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Hetzte auch einen Schmerz auf den andern,
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Daß sie sich fraßen,
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Und ich lachte, wenn ich sah,
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Wie sie im Uebereinanderherfallen
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Stücke aus mir rissen.

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Dann kamen weiche Hände und streichelten mich;
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Wie ein schwarzer Baum, der grüne Knospen
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Der Sonne aufthut, fühlte ich die Wollust
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Im Sein zu werden.
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Alles, das war,
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War nur für mich,
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Alle die Welt
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War mein Geschwister.
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Ich wuchs in die Welt, wie in der Blume
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Der starke Samenstengel sich hebt,
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Und mir war: Ich wäre der Sinn der Welt.

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Wunderbar schwoll meine Seele aus,
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Ueber mich weg in die Ahnungen des Seins;
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Götter gebar ich aus mir
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Und spielte mit ihnen
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Spiele der Seligkeiten und Spiele der Angst,
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Und schlug meine Götter tot,
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Da ich ihrer müde wurde.

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Nun ward ich still
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Und spielte nicht mehr.
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Ich sah mich selber an und erschrak,
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Daß ich allein sei.
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Endlos Leben an Leben um mich,
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Ich aber allein,
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Und nichts über mir.
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Da bückte ich mich in mich selbst
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Und verbarg mich in mir
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Und träumte.

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Was ich geträumt, war wirr und wild,
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Aber als ich erwachte
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War ich heiter und wußte
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Den Sinn meines Lebens.
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Der ist: Still mich treiben lassen von dem,
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Das in mir ist und nicht fragen:
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Wohin?

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Dunkel sind die Ziele,
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Dunkel sind die Götter,
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Dunkel ist die Welt.
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Aber eine warme Flamme leuchtet in mir
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Und läßt mich wachsen.

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Weiter weiß ich nichts als diese Flamme,
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Aber in ihr ahne ich alles.

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Ich laufe nicht mehr querhin durch den Garten
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Und stoße mich an keinen Stein mehr.
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Ich wachse wie ein Baum empor
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Und fühle unendlich und immer die Wollust
93
Im Sein zu werden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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