Abseits

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Otto Julius Bierbaum: Abseits (1887)

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Wenn, stolzes Mädchen, du mich fragen würdest,
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Das nie mich fragen wird: Was giebst du mir,
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Daß ich dir meine Jugend schenken soll,
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Mein Mädchenleben und dies reine Herz ...?
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Was könnt ich sagen?! Ach, ich habe nichts.
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Bin allzulange schon kein Knabe mehr,
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Nicht schön, nicht reich, kein großer Herr und Held,
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Doch auch kein wunderlicher, feiner Narr;
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Trag keinen Orden, hab kein hohes Amt,
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Und kam nicht unbeschmutzt aus diesem Kampf,
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Der mein Geschick war, und in dem mein Herz
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Hart ward und grimmig als ein Kriegerherz.
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Auch bin ich müde und kein Tänzer mehr,
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Ein Lächler ward ich, der ein Lacher war,
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Und manchmal ist mein Lächeln gar nicht gut.
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Ja, stolzes Kind, für eine Königin,
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Wie du es bist, bin ich ein armer Tropf;
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Im Hofstaat deiner Schönheit war mein Platz
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Im finstern Winkel, wo die Bettler stehn,
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Die ihre welke, abgehärmte Hand
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Vergeblich strecken, daß von all dem Glanz
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Ein Schimmer darauf falle. Bettelarm,
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Nimm dieses Wort mit aller Schandenlast,
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Wär ich bei dir, – drum will ich ferne sein.

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Denn sieh: Ich hab ein Reich, drin bin
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Ein Reich und Glück, das ist so voller Glanz,
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Daß deine Schönheit selbst davor verbleicht.
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Dies Reich ist mein, weil ich sein Schöpfer bin,
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Ein Himmelreich mit mir als seinem Gott;
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Du selber bist darin nur Kreatur.
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In grader Säule steigt der Opferrauch
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Von meinem Betherd, der der Schönheit dampft,
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Und, steh ich hier, ein Priester und ein Herr,
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Sehn meine Augen bis zum tiefsten Grund
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Des großen Meeres, das ihr Leben heißt.

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Dich, Königin, erkenn ich und das Kind,
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Das bleiche, das im Gassenkot verkommt,
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Das große Weltrund und den Primelnkelch,
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Und mir ist alles gleich verwandt und hold.
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Umfassung ist mein Glück in diesem Reich,
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Die ganze Welt zieh ich an meine Brust,
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In die ein Gott mir eine Sonne gab,
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Um die sich alles selig drehen muß.

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Du lächelst, wie ihr Mädchen lächeln könnt,
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Die grausam wie das liebe Leben sind,
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Und denen gern Verachtung stolz und fein
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Die schönen Lippen schürzt. – Ich seh auch das
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Und nehm auch diese Schönheit in mein Reich
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Und stehe vor mir selbst in deinem Spott
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Und lächle still, lächle gottväterlich.

51
Könnt ich so lächeln, wäre ich dir nah?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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