Abschied

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Otto Julius Bierbaum: Abschied (1887)

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Nun schließ ich dich, mein liebes Hausthor, zu,
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Und niemals wieder freut mein Auge sich
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Am alten Schnitzwerk, deinem heitern Schmuck,
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Dem Rebenbogen mit der Traubenlast,
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Und niemals wieder öffn' ich Dich, mein Thor,
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Um in das schöne alte Haus zu gehn,
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Das meinem Glück die letzte Heimat war.

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Die letzte Heimat, – und nun geh ich fort,
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Beschmutzt von Falschheit, innerlichst verletzt
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Von lügnerischer Tücke, die mich frech
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Viel Jahre lang im holden Tänzerkleid
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Verliebter Anmut narrte, und ich weiß,
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Daß all mein Glück ein leeres Träumen war.

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Oh Spuk und Schmach! Die Seele schäumt von Haß,
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Denkt sie an dieses abgefeimte Spiel
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Schamloser Niedrigkeit; – hier, hier geschahs,
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Das schmutzig Feige, – ach, mein schönes Haus,
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Daß ich an dich nicht rein mehr denken kann.

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Am alten Marmortische sitz ich hin
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Und hör den Brunnen rauschen, überweht
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Von meiner Trauerweide Fallgezweig.
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Halboffen ist die Gartenthür; da stehn
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Die Lilienstauden leer, der Epheu glänzt,
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Der nie sein Grün verliert, doch wohnen jetzt
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Die schnellen Amseln nicht mehr im Geäst
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Des hundertjährigen. – Käm ein Windstoß doch
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Und schlüg die Thüre zu! Ich, sehe sonst,
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Was ich nicht sehen will: ein rotes Kleid,
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Ein rotes ... horch, es klingt ein Lied herauf,
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Vom Garten her, wo die Cypresse steht ...
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Ich wills nicht hören, ich bin taub dem Ton,
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Ich schreie laut, ich will das Lied nicht, – ach,
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Es überklingt den allerlautsten Schrei –:

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Blinzt der Morgen in die Thür,
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Steht mein Liebster dafür,
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Mein Liebster, der war im Garten. –
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Ist mit der Sonne aufgewacht,
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Und hat an mich, an mich gedacht
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Und an die Rosen, die da blühn
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Heißa blühn,
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Die Rosen blühn im Garten.

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Meinen Liebsten und den Sonnenschein
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Laß ich in die Kammer ein,
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In meinen Rosengarten.
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Da sind auch Rosen aufgewacht,
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Als ich an dich, an dich gedacht,
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Viel schönre, als da draußen blühn,
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Heißa blühn,
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Die Rosen blühn im Garten.

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Der letzte Spuk ... Nein, Herz, es war nicht not,
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Zu schrein und taub zu sein, – das fliegt vorbei
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Wie Spätherbstfäden, – glänzt und fliegt vorbei.
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Darin verfängt sich kein Gedanke mehr.

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Und ich muß lächeln. Warum schalt ich denn?
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Oh undankbares Herz, oh dumpfer Sinn!
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Das alles war so schön und wunderbar,
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Daß nichts als Dank sich ziemt. Was red ich schlecht
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Von schönen Träumen? Pfui, was red ich schlecht
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Von dir, mein Herz, das alles dies geträumt?
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Du, Herz, beschiltst dich? Ach, du dummes Herz,
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Du hast nichts besseres mir je beschert,
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Als diesen Traum, und, daß er jäh verging,
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Mich dünkt, auch das war gut, denn seine Zeit
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Hat alles, und für uns, mein altes Herz,
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Ist nun die Zeit des Träumens wohl vorbei.

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Sieh doch, wie hell ist dieser Herbst; ein Glanz
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Von Klarheit breitet sich geruhig her:
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Mir scheint, ich wachte auf zur rechten Zeit.
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Zwar geht mein Schritt unsicher in den Tag,
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Und allzu oft wohl schau ich mich noch um,
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Doch denk ich: bald ist mir das Licht vertraut,
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Und, wenn ich rückwärts blicke, ist es nicht
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Mit Augen, die voll Sehnsucht traurig sind.

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Vorwärts, mein Herz! Du hast sehr schön geträumt,
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Nun sei dem Tage stark. Es giebt ein Glück,
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Das du nicht selber zu erdichten brauchst.
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Nicht
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Und Liebe giebt es, die

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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