Eine Schneefläche unabsehbar weit

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Otto Julius Bierbaum: Eine Schneefläche unabsehbar weit Titel entspricht 1. Vers(1887)

1
Eine Schneefläche unabsehbar weit;
2
Der graue Nebel darüber wie eine Last
3
Von dumpfem Haß.

4
Ists Tag? Ists Abend?
5
Ich sehe kein Gestirn.

6
Ob die Sonne noch lebt?

7
Ueber die eisige Fläche schleppt sich müde mein Schritt.
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Mir ist, als söge der giftige Nebel aus allen meinen Poren
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Das Leben und zöge mich fort
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In ein langsames Sterben.

11
Seine Finger sind naß, schlaff, kalt.

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Oh, ihr rosig sonnendurchglühten Finger
13
Des Frühlingsmorgens, die ihr ins Leben weckt,
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Wo seid ihr?

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Und ein hüpfender Wind der Erinnerung
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Geht durch mein Herz hin wie ein leiser Tanz
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Voll seidenem Rauschen.
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Da
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Eine Stimme hinter mir.
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Hart wie frostberstendes Eis.

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»du da!«

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Wie in den Boden gerammt, steh ich erschrocken.

23
»was erschrickst du! Ich bin nicht der Tod.
24
Ich bin nicht der Tod ....
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Ach!«

26
Eine Wolke umballt meine Sinne. In kalte
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Leichenkammern entflieht meine Seele.
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Dann taucht sie heraus
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In eine große Helligkeit,
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Und neben einem greisen Manne schreit ich
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Durch ein sonnenheißes Land.

32
Grellweiße Felsen und dürres Gelb
33
Sterbender Reife rechts und links.

34
»hebe dein Haupt!
35
Sieh! Da ist Golgatha!«

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Christus!

37
Im glühenden Sonnenbrand,
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Tief niedergesunken das Haupt,
39
Am Kreuz.
40
Ich sehe in seinem blonden Haar
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Den Dornenkranz, die Schmerzensgloriole.
42
Sein Leib ist dürr und voller Blutrunst.

43
Oh, Christus!

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»komm!«

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Oh, laß mich beten am heiligen Marterstamm!
46
Hier laß mich beten lernen!

47
»komm! Siehe die Leute an, die beten.«

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Er führt mich fort.
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Und wieder flieht meine Seele.
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Durch wetternden Sturm flieht sie und Waffengeklirr
51
Und Feuersbrunst
52
Und Sterbeklagen.
53
Und in ein mittleres Licht taucht sie auf.

54
Auf glattem Asphalte schreiten wir
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Durch eine große Stadt,

56
»hebe dein Haupt! Sieh, da ist Golgatha!«

57
Gott! Gott! Entsetzlich, da –:
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Mitten im schiebenden Gewirre der Stadt,
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Da,
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Mitten auf großem Platz,
61
Zwischen Theatern und Kirchen und Parlamenten:
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Das Kreuz!
63
Christus daran,
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Blutend,
65
Gesenkten Hauptes,
66
Und keiner achtet sein.
67
Regimentsmusik, Wagengerassel, Gedröhn,
68
Lachen und Schreien.

69
Christus! Christus! Blutender Heiland!

70
Christus! –
71
Er hebt das Haupt,
72
Oeffnet die Lippen:
73
»mich dürstet!«

74
Keiner achtet sein.

75
Ihm sinkt das Haupt.

76
»komm!«

77
Und es wird still.
78
Ich höre Vogelsingen.
79
Die Luft ist lau.
80
Im Korne geht die Sense.
81
Friede! Friede!

82
Ein unermeßliches Feld,
83
Ein segenschweres Meer von windbewegten goldenen Halmen.
84
Tausend Sichler mähen im Schwung.

85
»hebe dein Haupt! Sieh, da ist Golgatha!«

86
Mitten aus goldenem Garbenberg das Kreuz.
87
Ein stumpffinsterer Mann,
88
Eine Peitsche in Händen,
89
Daran gelehnt.
90
Sein Blick
91
Mustert über die gebückten Rücken der Mäher.
92
Und über ihm der gepeinigte Leib der Liebe.

93
Christus!

94
Da seh ich sein Auge,
95
Schmerzdurchstiert,
96
Dunkelbraun,
97
Weit offen,
98
Hoffnungsleer.
99
Und seine Lippen öffnen sich.
100
Schwarzes Blut entquillt dem Munde und ein Wort:
101
Haß!

102
»willst du noch beten?«

103
Schnee knirscht wieder unter meinem Schritt,
104
Und wieder saugt mein Leben der Nebel.

105
»willst du noch beten?
106
Viele Beter
107
Sahst du!«

108
Wer bist du, alter Mann?

109
Und, langsam ferner werdend, nebelverschluckt,
110
Wehen die Worte zu mir:

111
»vor meiner Thüre sank er unterm Kreuz.
112
Ich hoh ihn nicht.
113
Wer hebt Verbrecher auf?
114
Ich betete Dank, daß meine Seele nicht so frech, wie seine.
115
Da hob in seinem Herzen sich die Wahrheit:
116
Der Haß von Mensch zu Mensch.
117
So starb er.
118
Mir aber fluchte seine bittere Erkenntnis,
119
Daß ich sein Erbe sei und endelos erkenne:
120
Golgatha überall und Hammerschlag am Kreuz!
121
Sein Tod ist ewig,
122
Seine Liebe ist tot.
123
Ich lebe und lerne den Haß.
124
Könnt ich ihn lehren!« .....:

125
Golgatha überall und Hammerschlag am Kreuz ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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