Traum-Exegese

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Otto Julius Bierbaum: Traum-Exegese (1887)

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Mir träumte, daß ich Adam wär,
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Adam im Paradiese,
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Ich grübelte so für mich her
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Auf einer bunten Wiese.

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Da unter einem Apfelbaum,
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Sah meine Frau ich liegen;
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Sie schlief, und über ihrem Traum
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Thät sich die Schlange wiegen.

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Die sprach, mit Schrecken hört ichs: Iß!
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Ist doch vom Apfelbaume!
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Drauf: Wenn michs lüstet, ei gewiß!
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Sprach meine Frau im Traume.

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Die Schlange, lauernd: Aber Er,
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Er hat es euch verboten ...
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Und meine Frau: Verboten? Wer?
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Mach, hol mir einen roten!

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Die Schlange wand sich schnell hinauf,
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Warf einen roten runter.
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Da that mein Lieb die Augen auf,
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Biß in den Apfel munter.

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Um Gott! rief ich, nun ist es aus,
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Wir werden ausgewiesen!
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Und sah auch schon im schnellsten Braus
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Herab den Engel schießen.

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Er stand in großer Gloria
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Wie ein Kürisserposten
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Vor meiner Frau; wie die ihn sah,
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Lacht sie: Du, willst du kosten?

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Nein, sprach der Engel Gabriel,
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Ich bin nicht da zum Essen;
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Oh liebe Frau, du leichte Seel!
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Hast du denn ganz vergessen?..

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Und wieder lachend meine Frau:
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Mein guter Gottesbote,
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Nur keine Angst! Ich weiß genau
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Die göttlichen Verbote.

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»und dennoch?! Ach, was soll ich ihm
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Von soviel Trotze sagen,
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Um den die tausend Seraphim
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Die goldnen Flügel schlagen?!«

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›sag unserm strengeguten Herrn,
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Ich thät ihn herzlich lieben
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Und wär im Paradiese gern,
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Von Herzen gern geblieben.

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Doch dürfte nichts verboten sein.
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Das wär ein grausam Spielen,
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Sollt ewig ich tagaus tagein
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Nach Gottes Aepfeln schielen.

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Hab lieber drum gegessen schnell
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Und warte des Gerichtes.‹
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Abflog der Engel Gabriel
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Mißmutigen Gesichtes.

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Kaum, daß ich: Aber Frau! gebarmt,
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Kam er in sanftem Schweben
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Zurück, hat flügelnd sie umarmt,
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Ihr einen Kuß gegeben.

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Und hoch vom Himmel sang es hell,
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Gar lieblich anzuhören,
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Zu Flöte, Geig und Violoncell
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In heitren Engelschören:

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Weil du so gut das Paradies
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Und Gottes Herz verstanden,
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Geschahs, daß er dich küssen ließ
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Durch seinen Abgesandten.

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Ich aber ward mit manchem Hieb
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Getrieben vor die Pforte,
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Darüber flammenzügig schrieb
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Herr Gabriel die Worte:

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Wer immer möcht und nimmer wagt,
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Schnell herzhaft zu genießen,
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Sei feierlich davon gejagt
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Aus Gottes Paradiesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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