Hoher Besuch

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Otto Julius Bierbaum: Hoher Besuch (1887)

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Brandrot das Haar, ein violetter Hut
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Mit schwarzem Schleier und orangenen Rüschen,
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Braun das Jackett, die Boa: gelber Fuchs,
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Der Rock marineblaues Tuch mit Schwarz.

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Ich sinke in die Kniee: »Herzogin!
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Tritt über meinen Nacken in mein Haus!
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All meine Vers-Dämonen blasen Tusch,
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Und auf dem Tisch von Palisanderholz
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Harrt seiner Herrin ein Carton ›Marquis‹
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Der besten parfümierten Pralinés.«

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– Schnabunkel! sagt sie, zieht das Ohr mir lang,
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Küßt mich (wie riecht sie frisch!) hastig und schnell
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Und setzt sich in das gelbe Kanapee.
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– Bonbons! befiehlt sie. »Hier!« Den Schleier hoch,
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Und in die braune Schokolade senkt
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Sich weiß das allerschneeigste Gebiß.

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»und was befiehlt die rote Herzogin!«
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– Sie wünscht geliebt zu sein.
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»sofort Madam?«

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– Sofort und sehr. Man küsse mich enorm!
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»belieben Eure Hoheit nicht erst das Jackett ...?«
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Ich wünsche im Jackett geliebt zu sein.
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»doch wenigstens den Schleier ab, Madam ...?«
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– Genehmigt!
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Das Gegitter auf den Tisch.

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Wir küssen uns. Sie drückt mich fest an sich,
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Der gelbe Fuchs umkitzelt meinen Hals.

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– Ich bin sehr gnädig heute, findst du nicht?
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»ich finde, daß Ihr immer huldreich seid.«
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– Ich bin zu gut für diese Welt. Sag mal:
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Weißt du denn, wer ich bin? »I, keine Spur!«
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– Und willst es auch nicht wissen? – »Pfui, wer wird,
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Neugierig sein, wenn er im Glücke sitzt!?
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Du bist mir meine rote Herzogin,
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Denn deine Grazie, dein Wuchs, dein Gang,
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Die Art, wie du die Handschuh von den Fingern streifst,
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Wie du den Kopf zurückbeugst, küß ich dich,
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Wie du Bonbons ißst, lächelst, dir den Schleier steckst,
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Und, ach, die Art, wie du mich küßst, Madam,
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Ist herzoglich, – ich sagte königlich,
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Wär mir dies Wort für dich nicht zu verbraucht.
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Und nun zu denken, daß dein Mann vielleicht
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Banquier ist, Rechtsanwalt, Professor, Arzt,
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Major, Regierungsrat, Großbrauer, Maler,
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Kurz irgend was, dem man begegnen kann,
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Im Trambahnwagen, auf der Straße, im Café –
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Entsetzlich! Nein, du bist die Herzogin.
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Dein Mann (sie lächelt seltsam) wohnt im Schloß,
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Ist alt und gnädig, geistreich, tolerant,
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Trägt Escarpins, Jabots, sagt ma chérie,
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Regiert ein Volk, das sehr zufrieden ist,
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Pflegt das Ballet, liebt altes Porzellan,
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Bläst etwas Flöte, hüstelt in die Hand,
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Hat hie und da ein bischen Podagra
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Und lächelt etwas schmerzlich, wenn er hört,
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Die Liebe sei ein göttliches Pläsier,
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Kurz, Serenissimus ist comme il faut
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Und hat nicht viel dagegen einzuwenden,
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Daß Serenissima den Dichter küßt,
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Der schon manch Carmen ihm zu Ehren sang
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Und am orange-grünen Band das Kreuz
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Vom weißen Papageienorden trägt.«

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– Oh mein Schnabunkel, welch ein Narr du bist!
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In deinem gelben Kanapee vergeß ich
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Sehr viel, – vergeß ich mich und bin ein Kind,
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Leichtsinnig, treulos, hingegeben, – gut.
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Nein, du sollst nie erfahren, wer ich bin.
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Wir wollen hier in diesem kleinen Haus
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Verstecken spielen vor uns selbst, nicht wahr,
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Und glücklich sein, weil wir bloß Menschen sind,
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Nicht der und der und die und die – bloß ich und du.
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Auch sei nicht Treue hier geschworen, und
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Kein Band geknüpft; das Heute ist uns hold,
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Das Morgen mög es sein; was später kommt,
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Das mag die Götter kümmern, die es walten;
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Uns wächst kein graues Haar um dies Vielleicht.
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Küß mich, Schnabunkel! Serenissima
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Ist küssedurstig und so sehr verliebt
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In diesen Herrn vom gelben Kanapee,
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Daß sie nichts hat, was nicht auch ihm gehörte.
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Sie lebt nur hier; was draußen ist, ist Tod;
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Ein Vers von dir, ihr in das Herz gehaucht,
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Ist Lebens mehr, als alle ihre Welt.
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Hier ist ihr Traum, und sie genießt ihn ganz,
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Sieht alles glänzend, wies im Traumland ist,
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Fühlt alles hundertfach, weil sie es träumt.
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Du bist mein Page, reizend und verrucht,
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Ich schlich zu dir, die Nacht war warm und feucht,
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Aus meinem Bette in den Pavillon,
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Die Sterne blinzeln, und die Nachtigall
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Schluchzt Liebe aus der Laube von Jasmin.
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Das Leben ist ein Abenteurerspiel,
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Gefahr giebt heiße Süße dem Genuß,
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Die Sünde ist ein wunderbarer Trost
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Im Leben, das so trostlos grade geht.
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Ich habe keine Kunst: was Sünde heißt,

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»ich sehe, daß dein Mund ein Leuchten hat
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Wie Rosenblätter, und dein Auge schwimmt
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In Wollust; alles ist so schön erregt,
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Daß ich empfinde, wie du glücklich bist.
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Und sieh, mir ist, du wärst von mir ein Lied,
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Das mir in heitrer Unbewußtheit kam,
103
Ich sag mirs immer, immer wieder vor
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Und wundre mich beglückt: Das kam von mir?
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Oh du mein schönes Lied, geschenktes Glück,
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Du Leben, Traum, Gleichklang und Wiederklang:
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Daß du mir kamst, zeigt mir, daß Götter sind,
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Die Gnaden für mich haben und mich führen.
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Aus Ketten haben sie mich frei gemacht,
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Wie einen Vogel machten sie mich leicht
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Und gaben auch den leichten Sinn ins Herz,
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Der nicht bedenkt und frägt, nur nimmt und singt.«

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Die rote Herzogin lacht wie ein Kind
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Und nimmt den Hut ab: – »Hilf mir aus der Jacke!«

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Aus allem helf ich ihr, was sie beengt.
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Ihr rotes Haar ist nun ihr einzig Kleid.
117
Und ich erhebe sie zur Kaiserin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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