Meine Schwestern, meine Brüder, wollt ihr

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Otto Julius Bierbaum: Meine Schwestern, meine Brüder, wollt ihr Titel entspricht 1. Vers(1887)

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Meine Schwestern, meine Brüder, wollt ihr
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Mit mir gehn in meinen großen Garten?
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Kommt! Ich lad euch ein. Weit steht er offen.
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Freude nenn ichs, wenn ich Gäste habe,
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Und mir kann nichts besseres geschehen,
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Als ein bischen Dank aus euren Herzen.

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Glaubt, ich weiß: Es giebt viel schönere Gärten,
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Alte, von den Meistern angelegte,
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Die in bessren Zeiten freier bauten,
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Könige der Kunst und große Herren.
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Diese Gärten werden immer schöner,
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Denn es liegt der Glanz der großen Zeiten
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Ueber ihnen, und in ihrem Erdreich
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Ist die Kraft lebendig ersten Samens.
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Heiligtümer sind es unsrer Freude,
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Wo schon unsre Väter heiter gingen,
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Unsre Mütter, eh sie uns geboren,
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Sich den Blumen lächelnd nieder neigten,
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Die noch heute ihren Duft uns schenken.

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Und ich lad euch, meine lieben Schwestern,
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Lieben Brüder dennoch ein, zu kommen
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Und in meinem Garten froh zu wandeln.
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Meine Einsamkeit sehnt sich nach Gästen,
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Meine Blumen wollen sich verschenken,
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Meine vielgewundenen Wege wollen
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Nicht bloß mich in Busch und Schatten führen,
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Mich, der diesem Garten fremd geworden.

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Denn es ist der Garten meiner Jugend.

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Ich bin selber nicht mehr hier zuhause;
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Nur ein Gast noch, und ein seltner, bin ich
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Diesen Gängen, diesen Wiesen, Beeten
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Und Gebüschen, und Verwundern fast mich
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Immer, wenn ich durch den Garten schreite.

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Manchmal wol auch Rührung, manchmal Aerger;
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Diese Blume seh ich lächelnd an, und jene
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Möcht ich lieber aus dem Erdreich heben;
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Hier ein Weg, den ich mit Lust verfolge,
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Dort ein Pfad, verloren in Gestrüppen,
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Den ich gern verschüttete. Doch immer
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Wehr ich ab den Wünschen: Mag es bleiben,
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Wie es, unbewust halb, einst geworden.

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Wollt ich diesen Garten neu bebauen,
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Keine Zeit fänd ich für meinen neuen, –
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Ach, vielleicht auch keine Lust. Er bleibe,
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Wie er ist. Und schenkt er meinen Gästen
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Nur ein Hundertteil der Freude, die er
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Mir geschenkt, als ich ihn einstens baute,
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Ist er doch ein rechter Freudengarten.

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Denn ich habe ihn mit Lust und Schmerzen,
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Die der Freuden allertiefste waren,
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Angebaut auf meinem eignen Lande,
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Auf dem Mutterboden meines Lebens;
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Habe ihn gespeist mit meinem Blute,
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Habe ihn gehegt mit meinem Herzen,
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Und die Sonne, die ihm schien, war meine
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Liebe.

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Zähl ich ab die Summe meines Glückes:
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Hier stehn seine Blüten. Was ich fühlte,
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Schaute, griff, umfaßte, – hierher trug ichs,
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Hier versenkt ichs in die heilge Erde
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Meiner Kraft, die mir befahl, zu bilden,
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Was ich lebte. – Keiner, der die Blumen
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Dieses Gartens ansieht, mag es ahnen,
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Wie viel höchste Wonnen ich empfunden,
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Als zum erstenmal ich sie entfaltet
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Vor mir sah. Und wenn er drüber lächelt, –
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Lächl ich mit. Die jungen Mütter werden
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Anders lächeln. Junge Mütter wissen
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Um die höchsten Wonnen. Außer ihnen
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Wissens nur die Jungen Dichter. – Lächelt,
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Liebe Brüder, lächelt, Schwestern-Jungfraun!
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Euch, ihr Holden, wünsch ich Allen jenen
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Wonnereichsten Anblick. – Ach, noch immer
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Dreht um euch sich meines Lebens Spindel.

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Darum weiß ich meinem Garten liebre
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Gäste nicht, als euch, geliebte Schwestern,
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Wenn den bunten Blumen meiner Beete
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Nur die grauen Mägde jener Vettel
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Ferne bleiben, deren dürre Hände
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Ueber alles Leben schwarze Laken
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Zänkisch breiten. – Liebe Schwestern, wißt ihr,
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Wie sie heißt, die alte, böse Vettel?
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Sitte nennt sie sich und Tugend, aber
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Lüge ist ihr eigentlicher Name,
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Kranke Scham, des Lebens größte Feindin.

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Scham ist Zierde. Keine holdre Farbe
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Weiß ich, als das schamhafte Erröten
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Einer Reinen, die das Süß-Geheime
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Heilig hält; es ist ein vornehm Zeichen
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Guter, wohlgeschaffner Art und adlig;
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Aber niederträchtig und gemeiner Seelen
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Schmachmal ist das scheue Blickeirren;
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Schlechte Säfte kündet es und Triebe,
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Die im Keim schon faul sind. Möge keine
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Mit dem Moderatem dieser Krankheit
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Meine Blumenbeete mir verpesten!

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Mögen sie am Zaune stehn und schmähen,
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Während ihr den Atem eurer Frische
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Mit den Düften meiner Blumen lieblich
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Mischt und lachend über meine Wiesen
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Wandelt, oh ihr reizendsten der Blumen.

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Was ist tröstlicher, als euer Lachen?
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Was ist fröhlicher, als euer Schreiten?
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Was ist inniger, als euer Lächeln?

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Oh, ich werde hinter meinen Bäumen
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Stehn und euch belauschen, liebe Schwestern,
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Und ich will nicht fürder klagen, daß ich
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Einsam bin, wenn ich euch lachen höre.

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Werd ich aber Eine sehen, die sich
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Hellen Augs mit innig frohen Mienen
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Ueber meine Blumen beugt und lächelt,
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Oh, dann werden alle meine Wunden
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Lind sich schließen, und ich werde heiter
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Meiner Jugend wilden Garten preisen,
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Weil die schönste Blume in ihm aufging:
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Inniges Verstehen und Genießen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Otto Julius Bierbaum
(18651910)

* 28.06.1865 in Zielona Góra, † 01.02.1910 in Dresden

männlich

deutscher Autor und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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