Von der Poesie

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz: Von der Poesie (1700)

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Auf! säume nicht mein Sinn ein gutes Werck zu wa- gen/
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Und aller Tichterey auf ewig abzusagen;
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Gib weiter kein Gehör/ wenn die Syrene singt/
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Und such ein ander Spiel/ das bessern Nutzen bringt.
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Wie? sprichst du/ soll ich schon ein Zeitvertreib verschwe-
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Dadurch ich bin gewohnt die Grillen abzukehren/
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Das mir in Sicherheit bißher die Stunden kürtzt/
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An statt daß mancher sich aus Lust in Unlust stürtzt/
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Der/ weil ein schwartzer Punct im Würffeln aus geblie-
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Zuletzt aus dem Besitz der Güter wir getrieben.
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Ich thu mir schon Gewalt/ wenn ich viel Thorheit seh/
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Die ich bescheidentlich mit schweigen übergeh;
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Das aber ding’ ich aus/ nicht zu des Nechsten Schaden/
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Nein; sondern nur mein Hertz der Bürde zu entladen/
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Daß ich durch einen Reim/ was ich den gantzen Tag/
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Geduldig angemerckt/ mir selbst vertrauen mag.
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Deñ schenck’ ichs keinem nicht/ kein Ort ist den ich schone/
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Von schlechten Hütten an/ biß zu des Königs Throne.
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Ein bärtiger Heyduck/ der wie ein Cherubim/
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Die Streit-Axt in der Hand/ die Augen voller Grimm/
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Der Außerwählten Sitz verschleußt für meines gleichen/
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Muß wie ein schüchtern Reh von seiner Wacht entwei-
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Wenn mein gerechter Zorn erst anzubrenne
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Und sich biß in den Schooß des blinden Glückes drengt/
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Die Larve vom Gesicht des Lasters weg zu reissen;
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Weh dem der thöricht ist/ und dennoch klug wil heissen!
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Denn wo sein Name nur sich in die Verse schickt/
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So wird er alsofort dem - - - - be
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In meinem Schüler-stand/ auf den bestaubten Bäncken/
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Hub sich die Kurtzweil an; Solt’ ich auf
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(die man gezwungen lernt/ und länger nicht bewahrt/
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Als biß der kluge Sohn/ nach Papageyen Art/
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Sie zu der Eltern Trost/ dem Lehrer nachgesprochen/)
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So ward mir aller Fleiß durch Reimen unterbrochen/
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Da mahlt’ ich ungeübt in meiner Einfalt ab/
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Wenn Meister und Gesell/ mir was zu lachen gab;
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Biß nach und nach die Zeit den Vorhang weggeschoben/
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Und mir/ was scheltens werth/ hingegen was zu loben/
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Was Hof und Kirch und Land/ und Stadt für Wunder
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Und was mir selber fehlt getreulich ausgelegt.
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Das mach’ ich mir zu nutz/ und durch des Himmels Güte
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Werd’ ich je mehr und mehr bestärckt/ daß ein Gemüthe/
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Wenn es der Tyranney des Wahnes obgesiegt/
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Und seine Freyheit kennt/ gantz Peru überwiegt;
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Das ists/ was offt mein Kiel schleußt in gebundnen Sä-
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Was mich nun dergestalt in Unschuld kan ergätzen/
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Wozu mich die Natur - - - - halt ein verführter
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Drum eben straff’ ich dich/ weil ich besorget bin/
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Es möchte/ was itzund/ noch leicht ist zu verstören/
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Sich endlich unvermerckt/ in die Natur verkehren;
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Wo hat Justinian das strenge Recht erdacht/
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Durch welches ein Phantast wird Vogel-frey ge-
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Und da ein weiser Mann dis für was grosses schätzet/
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Daß man noch keinen Zoll auf die Gedancken setzet/
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Ist wol der beste Raht/ man seh’ und schweige still/
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Und stelle jedem frey/ zu schwermen wie er wil/
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Indem es fast so schwer die rohe Welt zu zwingen/
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Als mancher Priesterschafft das Beicht-Geld abzubrin-
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Ein Spiegel weiset uns der Narben Heßlichkeit/
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Doch wird er offtermahls deswegen angespeyt.
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Du meynst zwar/ was du schreibst/ sol nie das Licht er-
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Wie bald kan aber dis auch dir eins mißgelücken?
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Von deinem schönen Zeug/ entdeck ich/ wie mich deucht/
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Schon manch geheimes Blat/ das durch die Zechen
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So wirst du ein Poet/ wie sehr du es verneinest;
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Wer weiß ob du nicht bald in offnem Druck erscheinest;
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Vielleicht wird dein Gedicht/ des Müßigganges Frucht/
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Noch bey der späten Welt einmahl hervor gesucht/
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Und zwar mit Juvenal in einem Pack gefunden/
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Wenn man ihn ohngefehr in Leschpapier gewunden.
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Schreibt dir dein bester Freund/ der deinen Raht begehrt/
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So scheints/ als hieltest du ihn keiner Antwort wehrt/
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Bringt jemand ein Gewerb/ das auf dein Wohlerge-
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Auf Ehr und Vortheil zielt; du läßt ihn draussen ste-
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Triffst du Gesellschafft an die ein Gespräch ergetzt/
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Wo der Bekümmertste sein Leid beyseite setzt/
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So runtzelst du die Stirn in so viel hundert Falten/
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Daß du offt für ein Bild des Cato wirst gehalten/
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Ein jeder wolte gern erfahren was dich quält;
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Indessen schleichst du fort/ weist selbst kaum was dir
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Dein Hauß wird zugesperrt die Schlösser abgespannet/
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So wie’s ein Zaubrer macht/ wenn er die Geister bannet/
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Und da die halbe Welt/ von aller Arbeit ruht/
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Weckst du den Nachbar auf/ den des Camines Glut
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Und späte Lampe schreckt/ die dich im Fenster zeigen/
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Als woltst du Thurm und Dach aus Mond-Sucht ü-
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Warum? was ficht dich an? was ists? was macht
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Ein Wort; was für ein Wort? das hinten reimen sol.
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Verdammte Poesie! mein Sinn/ laß dich bedeuten/
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Eh ich dir Niese-Wurtz darff lassen zubereiten;
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Greiff erst die Fehler an/ die du selbst an dir siehst/
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Eh du der andern Thun/ durch deine Hechel ziehst;
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Doch solt ich hier die Müh/ dich zu erforschen/ nehmen/
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Wir müßten/ ists nicht wahr? uns für einander
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Kurtz: wer das Richter-Amt auf seinen Schultern
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Der seh/ daß sein Gesetz mit seinem Wandel stimmt.
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Wird doch die Cantzel roht wenn ein erhitzter - - -
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Der geilen Heerde schwatzt/ von Sodom Rach und
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In Cloris Gegenwarth/ die noch verwichnen Tag
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In dem verliebten Arm des treuen Hir
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Ists müglich/ kan dir noch die Tichter-Kunst gefallen?
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Gib Achtung/ bitt ich dich/ wie unsre Lieder schallen/
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Und was für eine Bruth/ man allenthalben heckt/
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So weit sich das Gebieth des Teutschen Bodens streckt.
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Durch Opitzs stillen Bach gehn wir mit trocknen Füssen/
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Wo sieht man Hoffmanns Bruñ/ und Lohnsteins Ströh-
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Und/ nehm ich Bessern aus/ wem ist wol mehr vergönnt/
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Daß er den wahren Quell der Hyppocrene kennt?
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Wer itzt aus Pfützen trinckt/ tritt in Poeten Orden/
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So daß der Helicon ein Blocksberg ist geworden/
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Auf welchem das Geheul des wilden Pans erthönt/
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Der seine Sänger-Zunfft mit Hasen-Pappeln krönt.
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Vor alters/ wo mir recht/ ward nie ein Held besungen/
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Wenn er nicht durch Verdienst sich in die Höh geschwun-
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Und eine Redens-Art die göttlich solte seyn/
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Die ward zu solcher Zeit den Sclaven nicht gemein.
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Wo lebt itzt der Poet/ der dis Geheimniß schonet?
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So bald er einen merckt/ der ihm die Arbeit lohnet/
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Wird seinem Pegasus der Sattel aufgelegt/
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Der ein erkaufftes Lob biß an den Himmel trägt;
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Den wir mit solcher Post so offt zum Zorne reitzen/
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Und öffter noch vielleicht/ als sich die Sterne schneutzen.
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Daß grossen theils die Welt in träger Lust verdirbt/
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Und sich um wahren Ruhm so selten mehr bewirbt/
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Ist der Poeten Schuld: Der Weyrauch wird verschwen-
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Und manchem Leib und Seel um die Gebühr verpfändet/
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Daß die Unsterblichkeit ihm nimmer fehlen kan/
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Der wie ein Erden Schwam sich kaum hervor gethan/
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Und den sonst anders nichts vom Pöbel unterscheidet/
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Als daß ein blöder Fürst ihn an der Seite leidet/
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Da er für jedes Loth/ das ihm an Tugend fehlt/
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Ein Pfund des eitlen Glücks und schnöden Goldes
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Man denckt und schreibt nicht mehr/ was sich zur Sache
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schicket/
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Es wird nach der Vernunfft kein Einfall ausgedrücket;
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Der Bogen ist gefüllt/ eh man an sie gedacht;
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Was groß ist/ das wird klein/ was klein ist/ groß gemacht;
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Da doch ein jeder weiß/ daß in den Schildereyen
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Allein die Aehnlichkeit das Auge kan erfreuen/
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Und eines Zwerges Bild die Artigkeit verliert/
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Wenn er wird in Gestalt des Riesen aufgeführt.
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Wir lesen ja mit Lust Aeneas Abentheur/
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Warum? stößt ihm zur Hand ein grimmig Ungeheur/
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So hat es sein Virgil so glücklich vorgestellt/
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Daß uns/ ich weiß nicht wie/ ein Schröcken überfällt.
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Und hör’ ich Dido dort von Lieb und Undanck sprechen/
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So möcht ich ihren Hohn an den Trojanern rächen;
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So künstlich trifft itzund kein Tichter die Natur/
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Sie ist ihm viel zu schlecht/ er sucht ihm neue Spuhr:
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Geußt solche Thränen aus die Lachens-würdig scheinen/
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Und wenn er lachen wil/ so möchten andre weinen.
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Ein Teutscher ist gelehrt wenn er sein Teutsch versteht/
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Kein Wort kömmt für den Tag das nicht auf Steltzen
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Fällt das geringste vor in diesen Krieges-Zeiten/
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So dünckt mich hör ich schon die Wetter-Klocke leuten/
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Ein Flammen-schwangrer Dampff beschwärtzt das Lufft-
157
Der Straal-beschwäntzte Blitz bricht überall herfür/
158
Der grause Donner brüllt/ und spielt mit Schwefel-
159
Der Leser wird betrübt/ beginnet fort zu eylen/
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Biß er ins Truckne kom̃t/ weil doch ein Wolcken-Guß/
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Auf solchen starcken Knall/ nothwendig folgen muß/
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Und läßt den armen Tropff der Welt zur Straffe reimen/
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Wie ein Beseßner pflegt in seiner Angst zu scheumen/
164
Geht wo ein Schul-Regent in einem Flecken ab/
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Mein GOtt! wie rasen nicht die Tichter um sein Grab;
166
Der Tod wird ausgefiltzt/ daß er dem theuren Leben/
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Nicht eine längre Frist/ als achtzig Jahr gegeben;
168
Die Erde wird bewegt/ im Himmel Lerm gemacht/
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Minerva wenn sie gleich in ihrem Hertzen lacht/
170
Auch Phöbus und sein Chor/ die müssen wider Willen/
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Sich traurig/ ohne Trost/ in Flohr und Boy verhüllen.
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Mehr Götter sieht man offt auf solchem Zettel stehn/
173
Als Bürger in der That mit zu der Leiche gehn;
174
Ein andrer von dem Pfeil des Liebens angeschossen/
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Eröffnet seinen Schmertz mit hundert Gauckel-Possen/
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Daß man gesundern Witz bey jenem Täntzer spührt/
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Den die Tarantula mit ihrem Stich berührt;
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Was er von Kindheit an aus Büchern abgeschrieben/
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Das wird mit Müh und Zwang in einen Verß getrieben;
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Die Seuffzer/ wie er meynet/ erweichen Kieselstein/
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Die voll Gelehrsamkeit und wohl belesen seyn.
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Des Aetna Feuer-Klufft muß seiner Liebe gleichen/
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Und aller Alpen Eyß/ der Liebsten Kälte weichen/
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Indessen aber wird das arme Kind bethört/
185
Und weiß nicht was sie fühlt/ wenn sie dergleichen
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Ja wenn ihr Coridon gebückt vor ihren Füssen/
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Der Klage Bitterkeit ein wenig zu versüssen/
188
Nichts anders als Zibeth und Ambra von sich haucht/
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Und sie kein Biebergeil zum Gegenmittel braucht/
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So mag des Mörders Hand was ihm von seinem Tich-
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Noch etwan übrig bleibt/ auf ihre Grabschrifft richten.

([Canitz, Friedrich Rudolph Ludwig von]: Neben-Stunden Unterschiedener Gedichte. [Hrsg. v. Joachim Lange]. Berlin, 1700.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz
(16541699)

* 27.11.1654 in Berlin, † 11.08.1699 in Berlin

männlich

deutscher Diplomat und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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