1
Ich ging der Warne schönbeblümten Strand
2
Entlang. Wie duftet' er! Wie funkelte
3
Sein blumiges Gestad' im sanften Strahl
4
Der Abendsonne. Rechts beschattet' ihn
5
Der stimmenvolle Hayn; ihn säumte links
6
Das Gold des Waizens. Droben wölbte sich,
7
Reinausgeheitert durch des Eurus Hauch,
8
Der ewge Himmel, spiegelte sich treu
9
Mit jeder Purpurwolke, die empor
10
Aus Westen flattert', in der reinen Fluth.
11
So spiegelt Gott der Herr sich selbst mit Lust
12
In einer Menschenseele, die noch rein
13
Und unverfälscht und gut und redlich ist.
14
Ich lagerte mich an des Flusses Saum,
15
Von Kalmus rings umduftet. Gottes Hauch
16
Umsauste mich. — Da rudert' aus dem Schilf,
17
Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,
18
Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar,
19
Hervor ein königlicher Schwan. Er war
20
Weiss angethan, so blendend weiss, als sey
21
Sein glänzendes Gefieder aus dem Schaum
22
Des Meers geblasen. Langsam rudert' er
23
Und ernst einher. Sein melancholisch Haupt
24
Auf seine reine Brust gesenkt. So fand
25
Ich Iden einst das Auge thränenvoll,
26
Den Schwanenhals auf ihre Schwanenbrust
27
In stiller Schwermuth einsam hingeneigt.
28
Ich lag und lauschte. Stille war umher:
29
Die Sonne sank; die Lerche senkte sich
30
Tiefkreisend auf ihr Nest im Waizenschlag;
31
Und Gottes Odem hauchte leiser. — Horch!
32
Da weht' es süss, wie Liebeslispel wehn,
33
Und seeleschmelzend, wie ein Sterbelied,
34
Das Heil'ge singen, über Strom und Flur.
35
Ich schmolz in süsse Wehmuth. Zwar vernahm
36
Ich nicht des Liedes Worte; doch sein Klang
37
Durchschütterte mich mächtig, wiegte mich
38
In tiefe Träumereyen ein. Ich sah,
39
Ich hörte Mütter, die dem Grabe nah,
40
Die Kinder ihres Herzens segneten,
41
Und Jungfraun, die zu ew'ger Reinigkeit
42
Sich Gott gelobten; Bräut' und Jünglinge,
43
Die Lipp' auf Lippen ihren Lebensgeist
44
Ins All der Liebe heiss ausathmeten.
45
So däucht' es mir; so klang dem Schwärmenden
46
Des Schwanes melancholischer Gesang.
47
Und stiller ward der Schwärmer, lauschete
48
Und athmete noch leiser, dass ihm nicht
49
Des Liedes schwächster Laut entschlüpfte. — Schau!
50
Da stieg ein Schwarm von Geyern, Kranichen,
51
Von Störchen, Raben, Kibitz, und was sonst
52
Unreinen Viehs im blauen Äther schwimmt,
53
Lautkreischend in die Luft. Den klaren Tag
54
Verdunkelte der Schwarm; des Schwarms Gekreisch.
55
Sein Rufen, Krächzen, Klappern überschrie
56
Des schönen Sängers schmelzenden Gesang.
57
Und ich ergrimmt' im Geist. Unmuthig schwoll
58
Das Herz im Busen mir, dass ungestraft
59
Der dummen Kläffer höhnendes Geschrey
60
Das heil'ge Lied verschrie; dass dem Gezücht
61
Der geistigen Eunuchen, die, entmannt
62
In Mutterleibe schon, dem Genius,
63
Des Genius göttlichsten Ausblitzungen
64
Hass und Verfolgung schwuren — dass der Brut
65
Ihr kirchenschändend gottverläugnend Thun
66
Auch auf Momente nur frommt' und gedieh.
67
Ich irrt' entlang den blumenvollen Strand,
68
Ertrat Violen und Vergissmeinnicht,
69
Entrauft erzürnt dem wilden Rosenstrauch
70
Sein grünes Haar, und streut' es in den Wind.
71
Nicht so der Schwan. Gross, schweigend und
73
Des Selbstbewusstseyns rudert' er dahin.
74
Sein Schneegefieder glänzte durch die Nacht
75
Der Frevler rings um ihn, wie durch die Welt
76
Voll Bosheit eine gute Seele glänzt.
77
Dess grollten ärger noch die Frevelnden,
78
Und neue Bosheit keimte, wuchs und reift'
79
Im Hui! in ihrer neidgeschwollnen Brust.
80
Sie brausten eilig zum verwandten Koth,
81
Sie tauchten unter in den zähen Schlamm,
82
Belasteten Schweif, Schnabel, Schwing' und Krall'
83
Mit ekelhafter Beute, rauschten schwer
84
Beladen auf, umstürmten links und rechts
85
Den silberweissen Schwan, und schüttelten
86
Und klatschten wüsten Schmuz — wie aus der Ess'
87
Ein schwärzrer Brodem wirbelt, und die Luft
88
Verdunkelt — nieder auf den reinen Schwan.
89
Da wölkte sich sein blendendes Gewand,
90
Die Lilienweisse der gewölbten Brust,
91
Der klare Spiegel seiner Schwingen ward
92
Entstaltet, wie durch Tück' ein schön Gesicht,
93
Entadelt, wie ein Herz durch Bosheit wird.
94
Und heisser noch ergrimmt' ich, tiefer noch
95
Gekränkt, dass so verächtliches Gezücht,
96
Zufrieden nicht, des Sängers hohes Lied
97
Ruchlos verhöhnt zu haben, frecher itzt
98
Auch seinen Leumund, seiner Sitten Zucht,
99
Den lautern Sinn, das tadellose Thun,
100
Des Geistes Einfalt und Rechtschaffenheit,
101
Dreist zu begeifern sich erfrechen thät.
102
Entrüstet wandelt' ich den Strand entlang.
103
Ich schauet' auf zum amethystnen Dom,
104
Ich nahm zum Zeugen solcher Ungebuhr
105
Ihn, der das heil'ge Lied dem Menschen gab
106
Zum Trost in seinen Mühen, ihn, der selbst
107
Rein, schuldlos, makellos, des Reinen nur
108
Sich annimmt, alles Trugs und Schmutzes Feind.
109
Es fehlte wenig und ich forderte
110
Heraus den Gott im rohen Ungestüm,
111
Zurückzuschleudern die verruchte Brut
112
In ihr Geklüft', zu rein'gen Licht und Luft
113
Von ihrer Gegenwart Vorwurf und Quaal.
114
Nicht so der Schwan. Gross, schweigend und
116
Der Unschuld tauchete der Herrliche
117
Hinunter in die Fluth, verzog in ihr
118
Von Athemzug zu Athemzug, und sieh!
119
Nur schimmernder, nur reiner noch, denn vor,
120
Enttauchet' er der Fluth. Hinweggespühlt
121
War jeder Makel, jedes Schmuzes Spur.
122
Die dummen Neider sahn ihn, rauschten auf
123
In ihrer Ohnmacht knirschendem Gefühl,
124
Und floh'n zum Aas im nächsten Thal zurück.
125
Der Vogel Gottes aber schwamm getrost,
126
Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,
127
Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar,
128
Hinab die blauen Fluthen. Angeweht
129
Von Gottes Hauch, vom letzten rothen Strahl
130
Des Tags umgoldet, rudert' er dahin
131
In stillem Ernst. Sein melancholisch Lied
132
Durchwallte fey'rlicher den dunkeln Forst,
133
Und stillte siegend mein empörtes Herz.
134
Erweicht, beschämt, genesen jeder Quaal
135
Stand ich erröthend, wie der ferne West,
136
Und thränend, wie der nahe Rosenbusch
137
Im Abendthau — „Unsterblicher Gesang,
138
Rief ich begeistert aus, zu dämpfen dich,
139
Wie zu vermailigen des Sängers Ruf,
140
Versucht umsonst der Neider dumme Wuth,
141
Umsonst der Sykophanten Hohngeschrey.
142
Sein Grimm verschnaubt und ihr Geschrey verstummt.
143
Du aber, heil'ges Lied, des Gottes voll,
144
Tönst nieder zu den Enkeln, rührst, entzückst,
145
Und nennst des Sängers Namen, der vorlängst
146
Verschwunden, der gerechtern Afterwelt.
147
O süsse Gabe, rief ich inbrunstvoll
148
Und sehnsuchtvoll, des Liedes Gabe sey
149
Gewährt mir für das Leben! Öfter noch
150
Heb' aus der Wirklichkeit beschränktem Kreis,
151
Heb' über eitles Lob und schnöden Hohn',
152
Heb' über alles, was den Sinn verwirrt,
153
Und ängstiget den Geist, den Strebenden
154
Hinüber in der Dichtung güldnes Land,
155
Das Land der Fabel und des Ideals.
156
O süsse Gabe! rief ich tiefer noch
157
Erschüttert. Ruhig sank und grossgeaugt
158
Die Sonne nieder. Feyernd lag umher
159
Der Wald, die Flur, der Strand. Der klare Fluss
160
Glitt purpurfarbig zwischen Blumen hin.
161
Froh der Erscheinungen, von Licht und Glanz
162
Durchstrahlt mein Innerstes, leis' angehaucht
163
Von ungebohrner Lieder lindem Wehn,
164
Schied ich erweicht von dannen und erstarkt!