Die Sterne

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Ludwig Gotthard Kosegarten: Die Sterne (1802)

1
Niedergeschlummert war die müde Sonne.
2
Feyerlich wallte der Nacht lasurner Mantel
3
Schön besäumt von schimmergelockter Sterne
4
Güldenem Stickwerk.

5
Unter dem blauen golddurchwirkten Teppich,
6
Halbverhüllt von des Dunkels trautem Schleyer
7
Standen und staunten wir, und schauten
8
liebend
9
Auf zu den Sternen.

10
Über der Holden vollgelockter Scheitel
11
Strahlte Cassiopega, blitzte Cepheus,
12
Funkelte Perseus Schwert, flog Andromedens
13
Glänzender Gürtel.

14
Tönenden Fittigs stieg empor der Adler,
15
Melodieen ergoss der Schwan des Himmels,
16
Wonnegesang entlispelte der Lyra
17
Bebenden Sayten.

18
Und von der Majestät der Nacht durchschaudert,
19
Jeder Blöde vergessend, jede Feigheit
20
Gross verschmähend umschlang ich die Geliebte
21
Feurigern Armes.

22
Und den Umschlingenden umschlang die Edle
23
Leisestöhnend, es stürmte Herz an Herzen,
24
Wange brannte an Wange. Trunken glühte
25
Lippe an Lippe — —

26
Und als ich auftaucht' aus der Wonnen Abgrund,
27
Siehe, da glänzten alle Sterne güldner.
28
Lodernder brannte Cassiopega. Funken
29
Sprühte Cepheus.

30
Tönendern Schwunges stieg empor der Adler.
31
Liebesgesang entquoll dem Schwan des Himmels,
32
Liebesgelispel girrte von der Lyra
33
Bebenden Sayten.

34
Selig erklangen alle Sphären. Alle
35
Glocken der Weltharmonika ertönten.
36
Feuriger pochten, Liebe klopften alle
37
Pulse des Weltalls.

38
Trunken noch immer ach des Nektarbechers,
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Der mit Entzücken Sinn und Geist berauschte,
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Wandl' ich dahin seitdem in süsser Liebe
41
Heiligem Wahnsinn.

42
Aber verklungen längst in Ihrem Herzen
43
Ist des süssen Momentes süsser Nachhall;
44
Mir vorüber, dem sie den Brand ins Herz warf,
45
Wandelt sie achtlos,

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Würdiget ihn, der ach nach ihr verschmachtet,
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Keines holderen Blicks, noch süssern Wortes,
48
Schwebet dahin mit leichtem Muth, wirft, Freude,
49
Dir in den Arm sich — —

50
Heilige Sterne, ahnen wahr die Weisen,
51
Ward geschrieben in euch der Menschen
52
Schicksal —
53
O wer öffnet den Sinn, wer liest mir eure
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Güldenen Chiffern?

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Frech zu erspähn der Zukunft Schauerdunkel,
56
Lüstet mich nicht; mich lüstet nur, das Eine
57
Zu ergründen — — nur — — Ida, deines
58
Herzens'
59
Dämmerndes Räthsel!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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