Agathon an Telxione Thelxione

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Gotthard Kosegarten: Agathon an Telxione Thelxione (1802)

1
Zauber, welcher neunmal mich umwunden,
2
Talisman, der meine Kräfte band,
3
Welches Dämons Hauch' bist du zerschwunden,
4
Bist gesprengt von welches Heros Hand?
5
Weggeblasen ist der Kerkerbrodem,
6
Welcher schwül und ängstend auf mir lag
7
Lebensluft umweht mich, Lebensodem;
8
Golden glänzt mir der entflorte Tag.

9
Wo sind nun die täuschenden Gebilde,
10
Wo die Gaukel meiner Fantasie?
11
Wo die Füll' und Frisch' und Huld und Milde,
12
Falsche, die des Dichters Wahn dir lieh?
13
Wo des hohen Ideales Züge,
14
Das sein Rausch in dir verwirklicht sah?
15
Mit dem Rausche schwand des Rausches Lüge,
16
Und entzaubert stehst du vor mir da.

17
Wie? dem Geist Praxiteles entrungen
18
Hätte sich süssschmerzend diese Frau?
19
Aus dem Meissel Polyklet's entsprungen
20
Wär' unsträflich dieser Gliederbau?
21
Diese Formen trotzten jedem Tadel?
22
Dieses Auge sonder Ruh und Glanz,
23
Diese Stirne sonder Sinn und Adel
24
Kämpften mit Niobens um den Kranz?

25
Dieses, wähnt' ich, sey der Wuchs Dionens?
26
Dies der Flug, den Atalanta flog?
27
Dies der Marmorbusen Hermionens,
28
Draus Orest Heroen-Frohheit sog?
29
Dies der Honigreiche Mund Athenens,
30
Dem Verständigkeit und Güt' entquoll?
31
Dies die Tinten Anadyomenens,
32
Als sie blendend dem Geschäum' entschwoll?

33
Also lächelten die Charitinnen
34
Jedem Horcher durch das Ohr ins Herz?
35
Also wechselten die Pierinnen
36
Spielend frohen Ernst und weisen Scherz?
37
Aus des Aethers reinstem Duft gewoben
38
Wäre diese Seele, dieser Leib? —
39
Nein, die Göttinn ist in Dunst zerstoben,
40
Und geblieben ist ein sterblich Weib.

41
Dejanirens Lieb', Ismenens Güte,
42
Iphigeniens himmelklarer Sinn,
43
Jede Unschuld, jede Schöne blühte,
44
Wie ich wähnt', in dieser Heuchlerinn!
45
Jeder Tücke, wähnt' ich, jedes Zwanges
46
Sey sie ledig; blank und frank und frey
47
Sey nicht Daphne werther des Gesanges
48
Als es diese meines Hymnus sey.

49
Wie der Künstler an dem Ideale
50
Seines Geistes hängt mit süssem Hang,
51
Wie aus Hebens nektarvoller Schale
52
Der Alcide die Vergött'rung trank;
53
Also hing an ihr ich mit Entzücken,
54
Ihr verlobt, vertraut mit Schwur und Eyd.
55
Lüstern schöpft ich aus den falschen Blicken
56
Die Verdammniss und die Seligkeit.

57
Ihr zu dienen sonder Dank und Spende,
58
Ihr zu frohnen sonder Sold und Lohn,
59
Ihr zu huld'gen sonder Ziel und Ende,
60
Däucht' ein Loos mir wie kein Königsthron.
61
Was an Schätzen mir die Vorzeit lehnte,
62
Draus zu zinsen an die Afterzeit,
63
Zinst' und zahlt' ich einzig ihr und wähnte
64
Anspruchfrey mich für die Ewigkeit.

65
Und sie zahlt' auch mir mit manchen Blicken,
66
Manchem meinungreichen Wink und Gruss,
67
Manchem heuchlerischen Händedrücken,
68
Manchem halbgewehrten, halbvergönnten Kuss.
69
Kärglich zahlte sie. Und was die Schlaue
70
Gestern zahlte, nahm sie heut zurück.
71
Willig trug ich ihre Laun' und Laue;
72
Glaubt' ich doch an ihrer Liebe Glück!

73
Ihrer Liebe? Nimmer noch geliebet
74
Hat dies Weib, und nun und ewiglich
75
Wird von diesem Weibe nichts geliebet,
76
Als sein eignes armes hohles Ich.
77
Nein, zerronnen ist der Traum, zerronnen,
78
Welcher funfzig Monden mich bethört,
79
Und das Netz das magisch mich umsponnen,
80
Zauberinn, ist durch dich selbst zerstöhrt.

81
Von den wundgeriebnen Hüften fallen
82
Schon die rost'gen Ketten klirrend ab.
83
Freudiger des Lebens Bahn zu wallen,
84
Raff' ich auf mich aus der Knechtschaft Grab;
85
Prüfe schon mit wollustvollem Dehnen
86
Der gelähmten Muskeln Federkraft,
87
Übe schon die kampfentwöhnten Sehnen,
88
Von der langen Sklaverey erschlafft.

89
Dem Entscharrten sey gesegnet, Sonne!
90
Dem Entschwommnen sey willkommen, Strand!
91
Angezogen von des Wettkampfs Wonne
92
Schreit' ich rüstig in den Schrankensand;
93
Wie Alkmäons Sohn, der Niegezähmte,
94
Sich dem Arm der Lyderinn entschlang,
95
Hydern würget', Ais Doggen zähmte,
96
Und gewaltig den Olymp errang

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.