An meine Tochter Allwine Louise

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Ludwig Gotthard Kosegarten: An meine Tochter Allwine Louise (1802)

1
Erstlingstochter heil'ger Liebe,
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Meine Hoffnung, meine Freude,
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Meiner Augen liebste Weide,
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Mein Juwel, mein köstlichst Gut;
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Dich beschwör' ich bey dem Herzen,
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Draus du sprosstest, bey den Schmerzen
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Jener, die dich trug und tränkte,
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Bleibe schuldlos, bleibe gut!

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Holde Tochter, noch beschämet
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Deines Auges Glanz und Helle
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Den Krystall der Gletscherquelle,
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Noch Golkondens schönsten Stein.
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Mögst du nie im Hauch der Sünden,
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Funkelnder Brilliant, erblinden!
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Mögst du ewig lautrer Spiegel
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Einer lautern Seele seyn!

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Wie um Blumen Bienen gaukeln,
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Wie durch Blüthen Weste streifen;
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Also schweif mit leichtem Schweifen
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Durch das Leben froh dein Fuss.
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Nie beflügle dieser Tritte
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Reinen Rythmus freche Sitte.
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Nimmer lähm' ihn träge Sorge,
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Nie der bleyerne Verdruss!

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Welches Glöckleins hellem Klingeln,
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Welcher Flöte, welcher Laute
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Klarem Klang' vergleich ich, Traute,
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Deiner Stimme Silberschall.
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Nie verfälsche dumpfes Grollen,
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Finstres Zürnen, düstres Schmollen,
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Feiges Wimmern dieses Glöckleins
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Silberhaltiges Metall.

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Holde Tochter, spross und schosse,
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Fröhlich, wie die Bins' am Teiche,
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Wie die Feldros' im Gesträuche,
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Wie der Waizenhalm im May.
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Aber rastlos sey dein Sorgen
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Spät am Abend, früh am Morgen,
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Dass der Leib nur schöne Fassung
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Einer schönern Seele sey.

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Nie von hohlem Schein geblendet,
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Noch vom Netz des Trug's umwoben,
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Noch von falschem Wahn verschroben,
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Bleibe frommer Einfalt treu.
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Feindinn jedes Rollenspieles,
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Jedes lügenden Gefühles,
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Wie der Äther klar und offen,
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Wie der Lichtstrahl frank und frey.

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Höre, Tochter, was ich bitte:
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Wahr' in kindlichem Gemüthe
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Lebenslänglich deine Güte,
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Deine Wahrheit, Zucht und Huld,
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Deine Ehrfurcht für das Sollen,
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Deine Gnügsamkeit im Wollen,
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Deine Innigkeit im Lieben,
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Deine schweigende Geduld.

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Um den Taumel lauter Freuden,
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Die betäuben und ermüden,
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Tausche nie den tiefen Frieden,
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Der nur stilles Wirken liebt.
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Seliger, als in der Menge
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Herzerkaltendem Gedränge,
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Fühle dich im engen Zirkel,
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Der bescheidne Pflichten übt.

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Süsser, als umringt vom Schwarme,
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Als entflammt vom Bachanale,
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Im getümmelvollen Saale
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Dich in trunknen Schleifern drehn;
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Süsser sey dir's, still und leise
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In der Deinen trautem Kreise
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Gutes schaffen, Freuden stiften
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Künft'ger Erndten Saaten sä'n.

73
Tochter, unsers Geistes Sehnen
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Strafft ein nieermattend Trachten;
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Unsern Busen schwellt ein Schmachten,
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Welches diese Welt nicht stillt.
77
Dieses Sehnen, dieses Ahnen,
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Dieses ferne, leise Schwanen
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Deutet auf das dunkle Jenseits,
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Das sich keinem Aug' enthüllt.

81
Tochter, unsre Blüthen fallen.
82
Eine Weile kos't und tränket
83
Uns die grosse Mutter, senket
84
Freundlich lullend uns ins Grab.
85
Reifes, Grünes mäht der Schnitter,
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Fühllos wirft das Ungewitter
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Dürre Blätter, Blüthenkronen
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Von dem Lebensbaum herab.

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Unsre Julie keimt' und knosp'te.
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Ihre Knospen sind gebrochen.
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Wenig trübe Winterwochen
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Weint' und lacht' und lallt' Emil.
93
Als das junge Jahr erlau'te
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O des Jammers! sank der Traute
95
Von der Mutter warmen Busen
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In des Grabes schaudernd Kühl.

97
Tochter, wähne nicht, auf immer
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Werde dich der Arm beschirmen,
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Welcher in des Lebens Stürmen
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Itzt noch deine Schwäche stützt.
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Einsam durch die Wildniss wanken,
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Stablos wirst du niederschwanken,
103
Wenn dich nicht der Trost der Unschuld,
104
Und der Unschuld Retter stützt.

105
Drum beschwör' ich bey dem Frieden
106
Deiner Zukunft, bey dem Herzen,
107
Draus du sprosstest, bey den Schmerzen
108
Jener welche dich gebar;
109
Ich beschwöre dich und bitte:
110
Bleib getreu der schönern Sitte!
111
O mein Erstling, o mein Liebling,
112
Bleibe schuldlos, gut und wahr!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Gotthard Kosegarten
(17581818)

* 01.02.1758 in Grevesmühlen, † 26.10.1818 in Greifswald

männlich

deutscher Pastor, Professor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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